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Soziales Projekte unterstützen Migranten auf dem Arbeitsmarkt / Experten warnen vor Schnellschüssen

Flüchtlinge finden häufiger Jobs

Archivartikel

Gießen.Najibullah Alizadah lächelt zufrieden. Der afghanische Flüchtling scheint nach etwas mehr als drei Jahren in Deutschland angekommen zu sein – zumindest was seine Suche nach Arbeit anbelangt. Er macht bei Gießen eine Ausbildung in einem Malerbetrieb. „Er ist sehr zuverlässig, zeigt Eigeninitiative, und auch bei den Kunden kommt er an. Ich kann nur positiv von ihm sprechen“, sagt die Chefin des Betriebs, Andrea Pitz. „Es war am Anfang sehr schwer, einen Job zu finden, gerade dann, wenn du niemanden kennst und die Sprache nicht beherrschst“, erzählt der 37-Jährige, der seit einem Jahr Lehrling ist.

Bei seinem Start in den Job hat Alizadah das Flüchtlingsberatungsnetzwerk „Bleib in Hessen II“ geholfen, zu dem auch das Projekt „Zaug“ in Gießen gehört. Koordinator Sebastian Haack kennt die Hürden für Flüchtlinge bei der Arbeitssuche. „Wir brauchen mehr Gelassenheit“, mahnt er. Gesellschaft und Politik müssten verstehen, dass man die Geflüchteten nicht von heute auf morgen in den Arbeitsmarkt integrieren könne. Um sprachlich und kulturell anzukommen, brauchten Menschen fünf bis sieben Jahre, erklärt Experte Haack.

Beim Projekt „Zaug“ (Zentrum für Arbeit und Umwelt-Berufsbildungsgesellschaft) werden Geflüchtete mit Sprachkursen, Schulungen und individueller Beratung auf ihren Einstieg in das Berufsleben vorbereitet und an Arbeitgeber vermittelt. Das Netzwerk wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie von der EU gefördert. Träger ist der Mittelhessische Bildungsverband.

Das Projekt ist eines von deutschlandweit etwa 40 Netzwerken, mit denen der Bund gezielt die Integration unterstützt. Dabei geht es besonders um die Vermittlung in den Arbeitsmarkt. Neben „Zaug“ umfasst das Projekt in Hessen acht weitere Träger für Sprachkurse oder berufliche Qualifizierungen. Dazu zählt die Beratungsstelle des Internationalen Bundes (IB) in Hanau. Der IB hilft bundesweit mehr als 300 000 Menschen bei ihrer Suche nach Arbeit. In der Beratungsstelle werden speziell Flüchtlinge bei der Erstellung ihrer Bewerbungsunterlagen, der ersten Kontaktaufnahme mit dem Arbeitgeber sowie der Suche nach einer passenden Ausbildung unterstützt.

Auch im ländlichen Bereich finden sich in Hessen Projekte, die Flüchtlinge auf ihrem Weg in die Beschäftigung helfen. In Felsberg im Schwalm-Eder-Kreis gibt es eine „Internationale Produktionsschule 2.0“. In einer Schreinerei, Metallwerkstatt oder Medienschule arbeiteten die Geflüchteten dort für echte Kunden und könnten so schon vor einer kompletten Ausbildung Teilqualifizierungen erwerben, sagt der Leiter des Projektes, Olaf Rossmann. Außerdem lege das Projekt großen Wert darauf, dass die Geflüchteten ausreichend Zeit für die Qualifizierungen bekämen. Für einen Hauptschulabschluss seien bis zu 20 Monate üblich, erklärt Rossmann.

Verprellte Unternehmer

Die Politik tue weder den Unternehmen noch den Geflüchteten einen Gefallen, wenn sie zu früh auf den Arbeitsmarkt entlassen werden, betont Susana Holla, Beraterin bei der „Zaug“-Gesellschaft. Viele Unternehmer hätten in der Einwanderungs-Hochphase eine bessere Sprachkenntnis erwartet und es seien „interkulturelle Verständigungsprobleme“ aufgetreten. Einige Unternehmer seien verprellt worden. „Es lief am Anfang zu schnell.“

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales will, dass möglichst viele junge Geflüchtete eine Ausbildung beginnen, da nur so eine langfristige stabile Beschäftigung möglich sei, teilte eine Sprecherin mit. Man beobachte auch, dass Geflüchtete ein großes Interesse hätten, möglichst schnell eine Arbeit aufzunehmen, um finanziell auf eigenen Beinen stehen zu können. Beide Seiten bräuchten jedoch einen „längeren Atem“, betont Haack.

Wichtig sei, den Geflüchteten die Realität ehrlich offenzulegen und ihnen zu erklären, warum die Vorbereitung zur Arbeitsaufnahme Zeit braucht, erklärt Holla. Es zeige sich, dass viele Flüchtlinge in der Berufsschule große Probleme hätten. Dennoch: Die Mitarbeiter vom „Zaug“ beobachten seit einiger Zeit, dass viele Unternehmen bewusst auf Geflüchtete setzen.

Auch die Chefin von Maler-Lehrling Alizadah, Andrea Pitz, hat wieder einen Flüchtling als Praktikanten, den sie einstellen möchte. „Ich habe das Gefühl, viele der Geflüchteten sind wahnsinnig motiviert und selbstständiger als gleichaltrige Deutsche.“ Nach der Ausbildung wolle sie ihn im Unternehmen halten. „Von mir aus kann er bleiben.“