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Gesundheitswesen Baden-Württemberg nimmt keine weiteren Patienten aus Nachbarland auf

Frankreich: Warnendes Vorbild

Stuttgart.In baden-württembergischen Kliniken werden unabhängig von einer dramatisch zugespitzten Lage im benachbarten Elsass vorerst keine weiteren Notfall-Corona-Patienten von dort aufgenommen. Dies sagten Sprecher der Landesregierung am Donnerstag dieser Redaktion. Im Elsass, das mit Lothringen in Frankreich am stärksten von Infektionsfällen betroffen ist, hat sich die Situation seit dem vergangenen Wochenende unter anderem in der Straßburger Universitätsklinik dramatisch verschärft. Corona-Patienten über 80 Jahren werden dort seit dem nicht mehr beatmet, sondern der Sterbehilfe übergeben.

Brief von Katastrophenmedizinern

Im Stundentakt wurden allein am Montag an der Uniklinik beatmungspflichtige Patienten mit einer Sars-CoV-2-Infektion eingeliefert, während die Kapazität der Plätze trotz Aufstockung von 40 auf 90 Beatmungsplätze erschöpft sei. Infizierte Ärzte und Personal würden Patienten behandeln, anders sei eine Versorgung nicht mehr möglich. Dies geht aus einem Bericht des in Tübingen angesiedelten Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin an die baden-württembergische Landesregierung hervor.

Im Zuge einer Soforthilfe hatte Baden-Württemberg am Wochenende der Nachbarregion als erstes Bundesland befristete Unterstützung für ein bestimmtes Personenkontingent zugesagt. So sind 15 Patienten aus Frankreich in acht Kliniken des Landes untergekommen. Damit sei die zugesagte Hilfskapazität allerdings erschöpft, bestätigte am Donnerstag die Sprecherin des Freiburger Regierungspräsidiums, das die Unterbringung der Notfälle koordinierte.

„Andere Bundesländer wie das Saarland und Rheinland-Pfalz sind uns gefolgt, es gibt eine gute Hilfsbereitschaft. Aber Stand heute werden wir es vorerst bei diesem Kontingent belassen und die Situation beobachten“, sagte der baden-württembergische Regierungssprecher Rudi Hoogvliet auf die Frage, ob weitere grenzüberschreitende Unterstützung geplant oder auch den Kliniken direkt möglich sei. Man müsse sich darauf konzentrieren, Kapazitäten für eine mögliche weitere Verschärfung im Land vorzuhalten.

Führungsstab berät

Der Bericht Tübinger Katastrophenmediziner, die sich am Montag ein Bild über die Zustände gemacht hatten, ist mit einem dringenden Appell an die Landesregierung und an die deutschen Behörden verbunden. Da sich die Entwicklung im Elsass bald in Deutschland einstellen werde, sei eine optimale Vorbereitung von allerhöchster Dringlichkeit, heißt es in dem Schreiben. Die Gefahr durch das Coronavirus mache weitere konsequente Maßnahmen der Landesregierungen, der Krankenhäuser und der Rettungsdienste unabdingbar. Die Katastrophenmediziner definieren die Situation bei Beatmungspatienten als „absolutes Nadelöhr“ der Versorgung. Notärzten und Rettungsdienstmitarbeitern sowie dem Bereich der Intensivmedizin in den Klinken kommen daher eine „absolute Schlüsselrolle“ zu, so die Katastrophenmediziner. Der Ausfall jeder einzelnen Person in diesen Bereichen werde am Ende Leben kosten. Adressat des Schreibens ist neben dem Innen- und dem Sozialministerium auch der Sars-CoV-Führungsstab des Landes. Benennbare Folgen allerdings hat das Schreiben im Land bis jetzt noch nicht. „Wir befassen uns damit, die Informationen aus dem Schreiben werden jetzt filetiert und dienen als Basis für weitere Maßnahmen“, sagte ein Sprecher des Innenministeriums auf Anfrage. Auch beim Lenkungskreis werde dies besprochen.

Die Katastrophenmediziner warnen davor, alle medizinischen Versorgungskapazitäten auf Covid-19-Patienten auszurichten. „Es muss an die Vermeidung von medizinischen Kollateralschäden geachtet werden“, heißt es. „Menschen haben auch in dieser Zeit medizinische Notfälle und Anspruch auf Behandlung. Wir dürfen am Ende nicht all diese Patienten verlieren, um alle Covid-19-Patienten gerettet zu haben.“

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