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Verkehr Der Bau des ersten hessischen Radschnellwegs soll in diesem Jahr beginnen / Projekt kostet etwa 8,5 Millionen Euro

Freie Fahrt durch Expressroute

Archivartikel

Darmstadt/Frankfurt.Dreimal pro Woche fährt Martin Lohfink mit dem Rad von seiner Darmstädter Wohnung zu seiner Praxis nach Frankfurt. Abends steigt der Röntgenarzt entweder mit dem Rad in die S-Bahn oder er radelt die 26 bis 30 Kilometer zurück – je nachdem, für welchen Weg er sich entscheidet. „Auf meiner normalen Strecke an der Bundesstraße 3 sind 49 Ampeln. Es wäre nicht schlecht, wenn es nur noch die Hälfte wären“, sagt der 53-Jährige mit Blick auf den ersten Radschnellweg in Hessen. Er wird Darmstadt mit Frankfurt verbinden. Der Bau der rund 30 Kilometer langen Expressroute soll im Herbst beginnen, die Fertigstellung ist 2022 geplant.

Die neue Fahrrad-„Autobahn“ wird abschnittsweise entstehen; am Ende führt sie durch insgesamt sieben Kommunen: Darmstadt, Erzhausen, Egelsbach, Langen, Dreieich, Neu-Isenburg und Frankfurt. Die Kosten kann Manfred Ockel, der Geschäftsführer der für den Radschnellweg zuständigen gemeinnützigen Regionalpark Südwest GmbH, noch nicht beziffern. Früher war von etwa 8,5 Millionen Euro die Rede.

„Derzeit arbeiten zwei externe Planungsbüros an der Entwurfsfassung für den ersten Bauabschnitt von Egelsbach nach Darmstadt-Wixhausen“, sagt Ockel. Auf dieser drei Kilometer langen Strecke sollen auch reflektierende Bodenbeläge und Solarleuchten mit Radar und LED getestet werden.

Umstieg attraktiver machen

Die Planungen für den zweiten Bauabschnitt – Teil-Strecken in Dreieich, Langen und Egelsbach – sollen in diesem Frühjahr beauftragt werden, wie Darmstadts Sprecher Klaus Honold sagt. Mit den Planungen für den dritten Bauabschnitt werde frühestens in der zweiten Jahreshälfte begonnen.

„Für immer mehr Bürger ist das Rad oder Pedelec ein alltägliches Fortbewegungsmittel, auch auf dem Weg zur Arbeit“, sagt der grüne Verkehrsminister Tarek Al-Wazir. Er ist überzeugt, dass noch mehr Menschen mit dem Rad unterwegs wären, wenn die Bedingungen besser wären. „Radschnellverbindungen können einen Beitrag dazu leisten, die Attraktivität des Fahrradverkehrs insbesondere über längere Distanzen zu erhöhen.“

Sie seien besonders auf Pendlerachsen mit potenziell mehr als 2000 Fahrten pro Tag sinnvoll. Röntgenarzt und Radler Lohfink kennt solche Expressradwege aus Dänemark. Er fände es klasse, wenn das Rhein-Main-Gebiet mit dem Schnellweg zwischen Frankfurt und Darmstadt Vorreiter wird, sagt der Mediziner. „Eine schöne schnelle Verbindung würde mich entstressen und das Fahren zum Genuss werden.“ Gerade abends im Berufsverkehr steige der Aggressivitätslevel aller Verkehrsteilnehmer.

„Es fehlt eine gute Möglichkeit, nach Süden aus Frankfurt rauszukommen“, sagt auch Alexander Schulz vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Frankfurt. Der 32-Jährige benutzt bisher mit seinem Rennrad die stark befahrene Darmstädter Landstraße, wenn er beispielsweise Freunde besuchen will. „Da braucht man starke Nerven, wenn einen die Autos überholen, denn nicht alle tun dies mit dem angemessenen Abstand.“ Ein Radschnellweg mit gutem Belag dagegen wäre sicherer und würde eine zügigere Fahrt ermöglichen.

Mehr Förderung nötig

Nur über den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und des Fahrradverkehrs ließen sich Staus und Verkehrschaos im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet auf Dauer vermeiden, sagt der Frankfurter Mobilitätsforscher Martin Lanzendorf. Und es müsse noch viel mehr geschehen, vor allem in den Großstädten: Mehr Radwege und Abstellmöglichkeiten seien notwendig.

Die Freude am Radfahren und der derzeitige Trend zum Radeln müssten unterstützt und genutzt werden. Um mehr und bessere Radwege zu bekommen, sammeln derzeit Initiativen in Frankfurt und Darmstadt Unterschriften für ein Bürgerbegehren, um Druck auf ihre Kommunen zu machen.

„Vorbild einer fahrradfreundlichen Stadt ist Kopenhagen, da ist mehr als ein Drittel des Verkehrs Fahrradverkehr“, sagt der Wissenschaftler. „Frankfurt liegt derzeit bei etwa 15 Prozent, Darmstadt etwas darüber. Wiesbaden trägt die rote Laterne im Land, dort liegt der Anteil bei drei Prozent.“ Den neuen Radschnellweg werden nach Einschätzung des Professors die meisten Fahrer abschnittsweise benutzen: „Für eine Fahrtstrecke etwa zur Arbeit eine Stunde zu brauchen, das ist für die meisten Menschen nicht realistisch.“

Lohfink macht das schon ungefähr neun Jahre. „Ich habe aber auch eine Dusche in der Praxis.“ Einigen Radfahrern begegne er auf seiner gut eine Stunde langen Route auch immer mal wieder. Manchmal begleiten ihn seine Frau und ein Freund.