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Museen Kosten halten nur wenige Besucher vom Gang in Ausstellungen ab / Umfangreiche Studie im Auftrag des Kunstministeriums

Freier Eintritt ohne Zugkraft

Archivartikel

Stuttgart.Petra Olschowski ist ziemlich überrascht. „Ich bin gestartet mit der These, dass der freie Eintritt einen großen Effekt auf die Besucherzahlen der Museen hat“, sagt die Kunst-Staatssekretärin. Nach einer umfangreichen Untersuchung in fünf staatlichen Museen Baden-Württembergs weiß sie es besser: „So einfach ist es nicht.“ Die Ticketkosten seien „nicht die größte Zugangsbarriere“. Für die Besucher mindestens ebenso wichtig seien attraktive Ausstellungen, zeitgemäße Vermittlungsangebote, angenehme Öffnungszeiten und die Konkurrenz der Freizeitbeschäftigungen.

Das Vorzeigebeispiel ist das Landesmuseum Württemberg, dem Sponsoren den finanziellen Spielraum für den Eintrittsverzicht in der Dauerausstellung verschafft haben. 2018 hat sich die Besucherzahl verdoppelt. „Viele Besucher kamen zum ersten Mal. Damit haben sich unsere Hoffnungen mehr als erfüllt“, sagt Direktorin Cornelia Ewigleben. Olschowski assistiert: „Die vielen Berichte haben eine Wahrnehmung geschaffen, die zu einem deutlichen Besucheranstieg geführt hat.“

Das ist aber offenbar eher die Ausnahme als die Regel. Studienleiterin Nora Wegner kommt nach der Befragung von 3500 Besuchern zu der Einschätzung, dass die politische Hoffnung auf das Anlocken von zusätzlichen Gesellschaftsschichten sich meist nicht erfülle. „Vor allem Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen werden nicht besser erreicht“, betont sie. Immerhin: Gekoppelt mit Werbemaßnahmen und Aktionen könnten junge Leute begeistert werden. Einzelne Museen hätten den freien Eintritt sogar schon wieder abgeschafft, weil die Ziele nicht erreicht wurden.

Gesamtpaket entscheidet

Das Gegenmodell zum Landeskundemuseum in Stuttgart ist das Mannheimer Technoseum, das überhaupt nicht an der Preisschraube gedreht hat. Bei technischen und naturkundlichen Museen seien Familien das Stammpublikum, das den Eintritt akzeptiere, erläutert Olschowski. Beim Technoseum sei das größere Problem die schlechte Erreichbarkeit. Für Schulklassen fielen die Kosten für den Bus stärker ins Gewicht als das Zugangsticket.

Wegner weist darauf hin, dass „neue Besuchergruppen durch freien Eintritt nur teilweise erreicht werden“. Jungen Menschen sei das Geld wichtiger. Alleine reiche das aber nicht. Dazu müsse es innovative Angebote geben. „Nicht nachweisen lässt sich eine grundlegende Veränderung der Besucherstruktur“, betont sie. Man müsse auch bedenken, dass die Besucher, die ohnehin regelmäßig ins Museum gingen, bei freiem Eintritt noch häufiger kommen und ebenfalls gezählt werden.

Für Olschowski ist das Ergebnis der von ihr in Auftrag gegebenen Studie eher ein Problem als eine Lösung. „Das Ziel Teilhabe verlieren wir nicht aus dem Blick“, betont sie. Aber sie sieht erst einmal die Museen selbst am Zug. Dort müssten Ideen entwickelt werden, um junge Leute und neue gesellschaftliche Gruppen anzulocken. Bei den jetzt anstehenden Beratungen für den Doppelhaushalt 2020/21 will sie Geld für einen Fonds beantragen, aus dem solche Konzeptentwicklungen finanziert werden. „Freien Eintritt für alle wird es in den Museen des Landes nicht geben“, stellt sie klar. Es könne aber sein, dass unter 18-Jährige umsonst in mehr Museen kommen.

Die SPD-Opposition, die schon seit drei Jahren freien Zutritt für alle Landesmuseen fordert, lässt sich von den differenzierten Befunden der Studie nicht vom Kurs abbringen. „Mit freiem Eintritt wollen wir Jung und Alt, Kulturerfahrene und Kulturneulinge für die baden-württembergischen Kulturgüter begeistern“, sagt der Landtagsfraktionsvize Martin Rivoir. Dass freier Eintritt mehr Menschen in die Museen locken kann, sei empirisch gut belegt. Die SPD erwarte, dass Olschowski „bald möglichst eigene Vorschläge zur Steigerung der Attraktivität der Kunstsammlungen vorlegt“.

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