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Bilanz Grünen-Politiker geht an Dreikönig als OB in Ruhestand / Prestigeposten in der Landeshauptstadt übernimmt wieder ein Christdemokrat

Fritz Kuhn ist in Stuttgart mit sich selbst im Reinen

Archivartikel

Stuttgart.Am 6. Januar endet nach acht Jahren die Amtszeit von Fritz Kuhn als Oberbürgermeister in Stuttgart. Beim Start Anfang 2013 war er der erste Grüne, der den Chefsessel einer Landeshauptstadt eroberte. Nun lasten ihm viele Parteifreunde eine Mitverantwortung an, dass mit Frank Nopper ein CDU’ler sein Nachfolger wird. Kuhn selbst geht erhobenen Hauptes: „Ich finde, dass ich Stuttgart in den acht Jahren gut vorangebracht habe.“

Auf neun Seiten hat Kuhn seine persönliche Bilanz aufgeschrieben. Er habe Stuttgart auf den Kurs zu einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Stadt geführt. „Die Autostadt wird zu einer Stadt der nachhaltigen Mobilität“, betont er. Und das sei unumkehrbar. Er ist überzeugt, dass er die Züge bei der Mobilität nicht nur auf das richtige Gleis gestellt hat, sie würden auch schon fahren. Strategisch mag das richtig sein, aber viele Bürger ärgern sich über Tempo 40 auf den vierspurigen Hauptverkehrsadern. Für die gefühlte Wahrnehmung der Betroffenen hat der 65-Jährige wenig Gespür gezeigt.

Niedrigere Zustimmungswerte

Kuhn gehört bei den Grünen zu den Realpolitikern. Er hat sich auch in Stuttgart stets am Machbaren orientiert. Eigentlich eine gute Voraussetzung, um sich Hochachtung bei den nüchternen Schwaben zu erwerben. Aber am Ende seiner Amtszeit gaben 49 Prozent der Stuttgarter in einer Umfrage an, Kuhn sei kein guter OB gewesen. Wenn ihn dieses Urteil getroffen hat, lässt er es sich wenig anmerken. Nur allgemein gibt er zu: „Ich habe viel um die Ohren bekommen.“ In der Stadt mit so vielen Strömungen und Auseinandersetzungen sei es halt schwer, große Zustimmungswerte zu bekommen. Bürgernähe ist gewiss nicht seine Stärke gewesen. Richtig warm sind die Menschen mit dem Mann, der in Bad Mergentheim geboren wurde, nicht. Kuhn sagt dazu, er sei nun mal nicht der Typ, der beim Volksfest bis in die Puppen unterwegs ist.

Seine Stärke zeigt sich eher, wenn es dicke Bretter zu bohren gilt. Die radikale Vereinfachung der Tarife im öffentlichen Nahverkehr der Region ist so ein Projekt für den geschickten Verhandler. Kuhn setzt das ganz vorn in die Bilanz seiner Erfolge. Dass Stuttgart praktisch schuldenfrei ist, erwähnt er nur nebenbei. Viel zu wenig gelungen ist dem Grünen im Wohnungsbau. Gleich mehrmals verfehlt hat er die selbst gesetzte Marke, dass pro Jahr 1800 Wohnungen fertig werden. Die Mieten und Preise für Immobilien sind in den letzten Jahren explodiert.

Stillstand hat viele Facetten. Da sind die vielen Baustellen rund um den neuen Bahnhof, für die Kuhn nichts kann. Großprojekte wie die Sanierung der Oper kommen nur langsam voran. Da drehen die Stadt und das Land als gemeinsame Träger immer neue Verhandlungsschleifen. Zwiespältig sind die Botschaften, die Stuttgart in die Welt sendet, bei der Luftreinhaltung. Den von Kuhn erfundenen Feinstaubalarm werten die einen als pragmatisches Handeln, andere kritisieren das als Negativwerbung. Immerhin werden die Grenzwerte seit zwei Jahren eingehalten und rechtzeitig zum Abschied des Oberbürgermeisters auch die Kohlenstoffdioxidwerte.

Verzockt hat sich Kuhn mit seinem Ausstiegsszenario. Mit der Botschaft, dass er für eine zweite Amtszeit nicht zur Verfügung stehen will, erwischt er die eigene Mannschaft vor genau einem Jahr kalt. Die Grünen stehen wochenlang ohne personelle Alternative da, Promis wie der langjährige Parteichef Cem Özdemir sagen ab, ehe sie gefragt wurden.

Aber seine Entscheidung findet er auch noch im Rückblick richtig: „Ich bin mit mir im Reinen.“ Irgendwann nach Dreikönig wird er erklären, ob er mit 65 Jahren noch mal was Neues anfangen will. Stuttgarter, das hat er bereits verraten, bleibt er.

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