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Gedenkstätte Das einstige „Hotel Silber“ in Stuttgart öffnet / In dem ehemaligen Gestapo-Zentrum befinden sich nun Ausstellungen

Früher Nazi-Haus, jetzt Lern-Ort

Archivartikel

Stuttgart.Über 70 Jahre nach dem Ende der Hitler-Diktatur öffnet nächsten Dienstag in Stuttgart die zum Gedenkort umgebaute ehemalige Zentrale der geheimen Staatspolizei der Nazis (Gestapo). Von einem der „schrecklichsten Orte in der Stuttgarter Geschichte“ sprach gestern Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). Die Gedenkstätte sei lange überfällig. Thomas Schnabel, der Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, ordnete die Gedenkstätte als „bundesweit einmaliges Projekt“ ein. Hier werde die Entwicklung der Polizei in Württemberg von der Weimarer Republik über den Terror des Nationalsozialismus bis in die Bundesrepublik gezeigt.

Im „Hotel Silber“, einst eines der besten Häuser der Stadt, kann man schon lange nicht mehr übernachten. Vor rund 100 Jahren hatte hier die Post ihren Sitz, ab 1928 die politische Polizei der Weimarer Republik, die dann durch die Gestapo abgelöst wurde. Und nach dem Zweiten Weltkrieg zog in den erhalten gebliebenen Gebäudeteil gleich das Stuttgarter Polizeipräsidium ein. Drei Jahre lang wurden die Zellen der Gestapo weiter genutzt, ehe im Anbau neue eingerichtet wurden. „Die Zelle ist ein Loch“ schrieb die Kommunistin Lina Haag in ihren Lebenserinnerungen über ihre Tage in dem fensterlosen Raum mit nackten Betonwänden.

Widerstand gegen Einkaufscenter

Ein Zufall half den Museumsleuten, die nach originalen Überbleibseln suchten. Weil die Kellerwand feucht war, wurden Putz und Vermauerung abgeschlagen. Dahinter fand man die ursprüngliche Mauer. „Hier ist der historische Ort“, sagt Ausstellungsmacherin Paula Lutum-Lenger. Vermutlich sei das Gemäuer unverputzt geblieben, damit die Häftlinge keine Botschaften einritzen konnten.

Mit der Eröffnung geht ein jahrzehntelanger Streit um eine Gedenkstätte für die Nazi-Gräuel zu Ende. Eigentlich sollte das zuletzt vom Innenministerium genutzte Gebäude für ein neues Einkaufszentrum abgerissen werden. Eine Bürgerinitiative mit prominenten Künstlern organisierte den Widerstand, dem 2011 die neue grün-rote Landesregierung nachgab. SPD-Finanzminister Nils Schmid erklärte den Erhalt des Gebäudes zur Chefsache. Heute gehört das „Hotel Silber“ der Landesstiftung Baden-Württemberg. 4,5 Millionen Euro hat sich das Land die Renovierung zusätzlich kosten lassen. Im Gespräch mit Heinz Hummler wird deutlich, wie wichtig die Gedenkstätte für die Überlebenden ist. Als zwölfjähriger Pimpf, wie die Hitlerjungen in dem Alter hießen, hat er ein Gnadengesuch für seinen zum Tode verurteilten Vater an die Gestapo gerichtet. „Sollte uns das Schwere treffen, weiß ich nicht, wie es meine Geschwister und meine Mutter tragen können“, schreibt das verzweifelte Kind im August 1944. Der Brief gehört zu den 200 Reproduktionen, die in der Dauerausstellung auf 300 Quadratmeter gezeigt werden.

Erinnerungsstücke von Verfolgten

„Die Jugend von heute kann sich das gar nicht mehr vorstellen“, sagt Zeitzeuge Hummler bewegt. Geholfen hat das Gesuch nicht, sein Vater wurde trotzdem wegen Juden-Schleusung hingerichtet. 33 Verfolgte oder Nachkommen von Opfern und Tätern haben Objekte überlassen.

Neben der Dauerausstellung im ersten Stock gibt es weitere 270 Quadratmeter Fläche für Wechselausstellungen. Die auf 560 000 Euro jährlich veranschlagten Betriebskosten teilen sich die Stadt Stuttgart und das Land hälftig.