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Justiz Mutter schildert Folgen der Entführung von Maria H. / Freundin berichtet über familiäre Probleme

Fünf Jahre lang Wasser und Brot

Freiburg.Es ist eine Szene, die kaum auszudenken ist: Maria H. sitzt mit ihrer Mutter an einem Sonntagabend im März 2019 auf der Couch, sie schauen zusammen „Tatort“ – die Folge „Für immer und dich“, die Marias eigenen Fall zum Vorbild hat. Immer wieder weint Maria, die Mutter will ausschalten, aber Maria will den Film zu Ende sehen.

Marias Mutter Monika B. selbst schildert diese Szene am Freitag vor dem Landgericht Freiburg. Es ist der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den 58-jährigen Bernhard H., mit dem die damals 13-jährige Schülerin 2013 aus Freiburg verschwand, bis sie im August 2018 wieder auftauchte. Die mittlerweile 19-Jährige lebt wieder bei ihrer Mutter. Bernhard H., der in Italien verhaftet wurde, ist wegen Kindesentführung und schweren sexuellen Missbrauchs angeklagt.

Ihre Tochter leide noch und sei dabei, alles aufzuarbeiten. Die Aussage der Mutter ist öffentlich. Immer wieder habe Maria „Flashbacks“, die sie zum Weinen brächten. „Aber ich glaube, der ,Tatort’ hat einen Wandel bei ihr ausgelöst, sie sucht jetzt weniger die Schuld bei sich“ sagt die 55-Jährige. So erklärt sie sich auch, warum aus der Kurzschlusshandlung einer 13-Jährigen – der Flucht aus Furcht vor Entdeckung der Beziehung mit Bernhard H. – fünf Jahre geworden sind: „Sie hat sich in der Verantwortung gesehen, wollte H. schützen, der wegen ihr sein Leben aufgegeben hat, und hat sich die Schuld gegeben.“

Die ersten Monate nach der Rückkehr seien „schwer“ gewesen. Ihre Tochter brauche Medikamente, Behandlung infolge von Mangelernährung, müsse Essverhalten erst lernen – fünf Jahre lang lebten Bernhard H. und Maria offenbar praktisch vorwiegend von Wasser und Brot.

Die Aussage eröffnet erstmals auch einen Blick auf die Lebensumstände der Familie, die Maria 2013 hinter sich ließ. „Eine ganz normale Familie“ seien sie gewesen, sagt die Mutter.

Mit Maria lebte nur noch ein wenig älterer Bruder bei der Mutter. Der Vater habe keinen Kontakt gewollt zu Maria, sie oft enttäuscht. Dass mindestens zwei der älteren Kinder einige Jahre im Heim verbrachten, es Probleme mit Drogen, Jugendamt und Polizei gab, bringt erst die Nachfrage von Bernhard H.’s Verteidiger ans Licht.

Stiefsohn belastet Bernhard H.

Marias Verschwinden, die jahrelange Suche haben die Familie entzweit, zu ihren Schwestern hat Maria keinen Kontakt. Auch nicht zu ihrer einst besten Freundin, Michelle B., die ebenfalls aussagt. Sie wusste von Anfang an Bescheid, von ersten Chatkontakten der elfjährigen Maria mit dem Angeklagten über die Wiederaufnahme nach Entdeckung, Anzeige und Kontaktverbot. Michelle lernte Bernhard H. in Freiburg sogar kennen. Er sei nett gewesen, sagt sie, sie habe den Kontakt zwar „krass“ gefunden, aber nicht weiter darüber nachgedacht, selbst dann nicht, als sie Maria half, einen Schwangerschaftstest zu kaufen.

Im Gegensatz zu Marias Mutter sagt die Freundin: „Maria war damals schon viel weiter als andere, ich hab gedacht, sie weiß schon, was sie tut.“ Doch nach Details über die Beziehung zwischen dem alten Mann und dem Mädchen fragt das Gericht vergebens – an einschneidenden Punkten versagt die Erinnerung. „Maria hat sich zuhause nicht wohlgefühlt, wollte immer weg, die Mutter war streng, mit dem Bruder hat sie gestritten“, sagt sie. Den Umgang mit dem Vater habe die Mutter verboten. „Ich denke, sie hat in Bernhard H. einen Vaterersatz gesehen.“

Seit Freitag steht auch eine mögliche Missbrauchsgeschichte in der früheren Familie von Bernhard H. im Raum. Doch von den Aussagen der Ex-Frau des Angeklagten und ihres Stiefsohns, der angab, bereits um das Jahr 2000 eine CD mit kinderpornografischem Inhalt bei seinem damaligen Stiefvater gefunden zu haben, wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die Stieftochter war zu einer Aussage nicht in der Lage. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.