Länder

Studie Bundesländer werben gezielt um Nachwuchs aus Einwandererfamilien / Migranten unter Anfängern sind unterrepräsentiert

Für mehr Vielfalt bei der Polizei

Frankfurt.Necati Benli gehörte vor 21 Jahren noch zu den Ausnahmen. „Ich habe über einen Flyer im türkischen Generalkonsulat den Weg in die Polizei gefunden“, sagt er zu seiner damaligen Bewerbung bei der hessischen Polizei. Inzwischen ist er Landesmigrationsbeauftragter der Polizei in Hessen. Unter den jungen Polizisten sind türkische, russische oder arabische Namen mittlerweile gar nicht mehr so selten. „Wir haben schon seit mehr als zehn Jahren einen Werbeschwerpunkt bei Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt Eva Hertel, Leiterin der Abteilung Nachwuchssicherung bei der Polizeiakademie Hessen.

Auf der Suche nach geeigneten Bewerbern ist die Polizei in vielen Bundesländern mittlerweile nicht nur in sozialen Medien oder an Schulen unterwegs, es gibt auch Anzeigen etwa in türkischen oder russischen Printmedien in Deutschland. In Hessen stieg der Anteil von neu eingestellten Polizisten mit Migrationshintergrund innerhalb von sechs Jahren von etwa zwölf auf mehr als 21 Prozent. „Das entspricht auch dem Anteil der Abiturienten mit Migrationshintergrund“, sagt Hertel.

Eine Untersuchung des Mediendienstes Integration bestätigt diese Entwicklung auch bundesweit. „Wir sehen einen Anstieg in vielen Bundesländern, vor allem dort, wo gezielt um Polizisten mit Migrationshintergrund geworben wird“, sagt Jennifer Pross vom Mediendienst gestern bei der Vorstellung der Studie in Frankfurt über größere Vielfalt bei der Polizei.

„Auf Homogenität ausgerichtet“

So wirbt die Brandenburger Polizei auch in polnischer Sprache für Karrieremöglichkeiten. Allerdings: Im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtgesellschaft seien Migranten in allen Bundesländern bis auf Berlin und Sachsen-Anhalt bei den Polizeibewerbern und -anfängern unterrepräsentiert, heißt es in der Studie. Zudem sind Polizisten mit Migrationshintergrund unter den älteren Kollegen deutlich seltener zu finden.

„Die Polizei ist nicht das totale Abbild der Gesellschaft“, räumt Hertel ein. „Aber Diversität ist da, und sie wird auch besser.“ Was ändert sich durch eine Polizei, deren Mitarbeiter verschiedene Wurzeln und Hintergründe haben? Der Polizeiforscher und Soziologe Rafael Behr von der Akademie der Polizei in Hamburg warnt vor überhöhten Erwartungen. „Beamte mit Migrationshintergrund sind kein Bollwerk gegen Rechtsextremismus“, betont er.

Allerdings sieht Behr durchaus Erfolge: Während Polizisten mit Migrationshintergrund in der Vergangenheit vor allem als „Kulturscouts“ gesehen worden seien, werde heute stärker versucht, Vielfalt bei der Polizei herzustellen. Nach wie vor existiere allerdings ein Selbstbild der Polizei, „das stark auf Homogenität ausgerichtet ist“. Doch je vielfältiger die Menschen sind, mit denen Polizisten bei ihrer täglichen Arbeit zu tun haben, desto größere Bedeutung kommt einer offenen Haltung gegenüber anderen Kulturen und womöglich auch entsprechender eigener Erfahrung zu.

Gespräch ohne Dolmetscher

Das gilt besonders an Einsatzorten wie etwa dem Flughafen. „Da ist das Gegenüber selten die deutsche Oma, sondern jemand aus einem anderen Land oder Kulturkreis“, sagt Reza Ahmari, Sprecher der Bundespolizei am Frankfurter Flughafen. Bei Einreisebefragungen könne es eine Erleichterung sein, wenn da auch junge Beamte seien, die Farsi oder Urdu sprechen und ohne Dolmetscher ein Gespräch führen können. Allerdings sei ein Migrationshintergrund gerade in Konfliktsituationen nicht das Allheilmittel, betont Ahmari. Dennoch ist er überzeugt, dass mehr Vielfalt bei der Polizei auch dazu führt, dass „das Fremde nicht mehr so ein Thema ist. Ich bin sicher: Vielfalt bekämpft Rassismus.“