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Justiz Ex-Geschäftsführer und Gutachter wegen unerlaubten Umgangs mit gefährlichen Abfällen verurteilt / Anwohner erleichtert

Geldstrafen im Fall Woolrec

Archivartikel

Gießen.Sieben Jahre nach Schließung der umstrittenen Mineralfaserfirma Woolrec im mittelhessischen Braunfels-Tiefenbach sind der frühere Geschäftsführer und ein Gutachter zu hohen Geldstrafen verurteilt worden. Das Landgericht Gießen sprach die beiden am Donnerstag des unerlaubten Umgangs mit gefährlichen Abfällen beziehungsweise der Beihilfe dazu schuldig. Die Richter gingen von 56 Fällen aus, begangen zwischen 2007 und 2012.

Die Angeklagten hatten sich demnach bei der Herstellung und Kontrolle eines aus gefährlichen künstlichen Mineralfasern bestehenden Produktes nicht an das genehmigte Verfahren gehalten. Der 65 Jahre alte Ex-Geschäftsführer erhielt eine Geldstrafe von 17 150 Euro (490 Tagessätze zu 35 Euro), der 59 Jahre alte Universitätsprofessor eine von 52 500 Euro (350 Tagessätze zu 150 Euro). Damit gelten beide als vorbestraft.

Anwohner der im Herbst 2012 stillgelegten Firma reagierten erleichtert auf das Urteil. „Es gibt einem wieder das Gefühl, dass es doch noch Gerechtigkeit geben kann“, sagte Elisabeth Schneider. Die Angst um die Gesundheit und die Kinder bleibe aber: „Das ist etwas, das uns leider keiner nehmen kann.“

Fehlanzeige bei Verunreinigungen

Um Woolrec und eine mögliche Schadstoffbelastung hatte es lange und schlagzeilenträchtig Streit gegeben. Das Unternehmen hatte aus Abfällen gefährlicher künstlicher Mineralfasern das Produkt „Woolit“ für die Ziegelindustrie hergestellt. Die Fasern gelten teils deshalb als gefährlich, weil sie im Verdacht stehen, krebserzeugend zu sein.

Die Anwohner hatten immer wieder gegen die Firma protestiert und dem Regierungspräsidium Gießen (RP) Untätigkeit vorgeworfen, was dieses stets zurückwies. Das Firmengelände und die Umgebung wurden mehrfach auf mögliche Schadstoffe hin untersucht, mit teils unterschiedlicher Bewertung der Messergebnisse.

Dem Landgericht zufolge hatte das RP für „Woolit“ Vorgaben gemacht mit einem festgelegten Mischungsverhältnis der Inhaltsstoffe. Die Fasern sollten unter anderem mit Ton, Gelatine und Wasser gebunden werden. Doch mit dem angewandten Verfahren hätte die korrekte Mischung nicht gewährleistet werden können, sagte der Vorsitzende Richter. Diese sei auch nur grob per Hand kontrolliert worden. Eine Verunreinigung von Böden oder eine konkrete Schädigung der Umwelt habe die Kammer aber nicht festgestellt, so das Gericht. Es ging zudem davon aus, dass die Fasern nach dem Brennvorgang in der Ziegelei unbedenklich waren.

Ungeeignete Messgeräte

Der wegen Beihilfe verurteilte Gutachter hatte nach Auffassung des Gerichts „Woolit“ abgesegnet – obwohl seine Messgeräte ungeeignet waren, „zuverlässig Auskunft“ über die Produkteigenschaft zu geben. Das hätte auch dem Regierungspräsidium auffallen können, so der Richter. Der Gutachter soll auch Mitarbeiter angewiesen haben, „ausgedachte Zahlen“ für die Testergebnisse zu verwenden. Das Landgericht verhandelte seit Anfang 2018 an fast 50 Prozesstagen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.