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Corona Strategie der Kontaktverfolgung wird diskutiert / Ärzteverband plädiert für besonderen Fokus auf Risikogruppen

Gesundheitsämter am Limit

Darmstadt/Wiesbaden/Offenbach/Frankfurt.Angesichts der Belastung der Gesundheitsämter in Hessen stellt der Verband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes die Strategie der Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten infrage. Letzten Endes jagen Politiker noch der Idee nach, alle symptomlosen Träger aufspüren zu können“, sagt Landesvorstand Jürgen Krahn. Dabei sei die Frage: „Ist es sinnvoll, allen Verdachtsfällen nachzujagen oder wenden wir uns den kranken Leuten zu? Verbrennen wir weiter Laborkapazitäten oder schalten wir langsam in den Modus medizinischer Vernunft um und kümmern uns um die Infizierten/Kranken und Schutzbedürftigen?“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht im Umgang mit Pandemien drei Phasen vor: Eindämmung (Containment), bei zunehmender Verbreitung die zweite Phase Schutz (Protection) von Risikogruppen und als letztes Folgeminderung (Mitigation). „Solange die Politik aufrechterhält, dass wir uns immer noch in der ersten Phase befinden, ist das intensive Ermitteln aller Kontaktpersonen in Bezug auf Covid 19 alternativlos“, erklärt Krahn. Doch diese Phase hätte man verlassen können.

App könnte helfen

Hessens Gesundheitsämter kommen angesichts deutlich steigender Infektionszahlen an ihre Grenzen. Bei größeren Ausbrüchen – beispielsweise auf privaten Feiern – lassen sich Infektionsketten noch nachvollziehen, bei vielen Einzelfällen dagegen kaum. „Viele der Infektionen sind auf das familiäre Umfeld oder den Freundeskreis zurückzuführen“, sagt ein Sprecher der Stadt Wiesbaden. Bei der Mehrheit der Fälle sei der Ort oder Anlass der Infektion nicht nachvollziehbar. Seit Ende September betreffe das 76 Prozent der gemeldeten Fälle. Allerdings werde in einigen noch ermittelt. Die Corona-Warn-App könne helfen, werde jedoch nicht ausreichend genutzt. „Wenn die an Covid-19 Erkrankten von uns zu möglichen Infektionsquellen befragt werden, sind die Angaben oft vage“, erklärt ein Sprecher der Stadt Frankfurt. Auch verliefen Infektionen nicht selten ohne Symptome, was die Identifikation von Infektionsquellen erschwere. Abseits größerer Infektionsherde sei es in Frankfurt im Allgemeinen „in weniger als 50 Prozent der gemeldeten Fälle möglich, eine Person oder Situation zu definieren, von der die Infektion ausging“. Gut nachvollziehbar seien Erkrankungen bei Personen, die fünf bis sieben Tage nach dem Kontakt zur Erkrankten getestet würden.

Vergleichsweise gut steht Hessens größter Hotspot, die Stadt Offenbach, da: Nur bei 29,4 Prozent der Infektionen sei die Ansteckung nicht mehr nachvollziehbar. „Mittlerweile stellt sich bei positiv Getesteten häufig heraus, dass sie in der vorangegangenen Zeit, in der sie vermutlich ansteckend außerhalb der Quarantäne unterwegs waren, sehr viele Kontakte hatten“, sagt ein Sprecher. Die Ermittlungsquote sei zudem abhängig von der Bereitschaft, genaue Auskünfte zu geben und vom Erinnerungsvermögen.

Ob es angesichts dieser Situation Sinn macht, die Kapazitäten der Gesundheitsämter zu verwenden, Kontaktpersonen zu ermitteln und zu testen, ist umstritten. „Die Lösung ist nicht: Testen bis zum Anschlag“, sagt Jürgen Krahn. Denn auch das Land habe nur begrenzte Mittel. Das Geschehen in den Gesundheitsämtern sei bei der Bekämpfung der Pandemie entscheidend.

Die Landesärztekammer Hessen registriert ebenfalls, dass durch steigende Infektionszahlen viele Kontaktketten nicht mehr nachverfolgbar sind. „Die Nachverfolgung sollte deshalb aber nicht generell verlassen werden“, sagte eine Sprecherin. Vielmehr solle sich die Strategie auf die besonderen, problematischen Fälle fokussieren. Dies seien die Kontakte von Indexpatienten – Personen, von denen sich eine Krankheit ausbreitet – zu vorerkrankten und älteren Menschen. „Solche Infektionsketten müssen vordringlich aufgearbeitet werden.“ lhe