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Justiz Seit Oktober muss sich die mutmaßliche Anführerin einer Hanauer Sekte in einem Mordprozess verantworten – ein Vierjähriger war in ihrer Obhut qualvoll erstickt

Gewalt, Grausamkeiten und Gehirnwäsche

Hanau.Wer ist die Frau, die vor mehr als 30 Jahren in ihrem Haus einen Jungen in einen Sack gesteckt haben soll, bis er erstickte? Und was ist das für eine Sekte, die sie angeführt haben soll? Während der ersten zehn Verhandlungstage im Mordprozess vor dem Landgericht Hanau ist für Beobachter ein facettenreiches Bild entstanden. Wegbegleiter und Aussteiger berichteten von seelischen Grausamkeiten, Gehirnwäsche und Erniedrigungen. Die Gruppe soll von psychischer und physischer Gewalt geprägt gewesen sein.

Angeklagt wegen Mordes ist eine heute 72-jährige Frau aus Hanau. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, dass sie den Vierjährigen, auf den sie für seine Eltern im August 1988 aufpassen sollte, seinem qualvollen Schicksal überlassen haben. Er war in einem Leinensack eingeschnürt und erstickte wahrscheinlich. Hilflos lag er im Badezimmer des Hauses in seinem „erbitterten Todeskampf“, wie es die Staatsanwaltschaft formulierte. Die Anklage sieht das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt, zudem auch niedrige Beweggründe.

Die Angeklagte soll den Jungen als vom Bösen besessen betrachtet haben. Sie habe ihn auch als „Reinkarnation“ Hitlers bezeichnet und beschlossen, ihn zu töten, so die Staatsanwaltschaft. Die Anwälte der Frau wiesen den Mordvorwurf zurück. Der in der Anklage geschilderte Tatablauf sei „reine Spekulation“. Unklar sei auch die genaue Todesursache. Offiziell hieß es damals: Der Junge erstickte an erbrochenem Haferbrei. Ein Unglück. Aufgerollt wurde der Fall 2015 durch neue Aussagen von ehemaligen Mitgliedern der Sekte.

Gemeinschaft seit 1980

Die Angeklagte beeindruckte ihre Gefolgschaft den Prozess-Aussagen zufolge mit ihrer Spiritualität. Sie gab vor, mit Gott in Kontakt zu stehen und im Traum Botschaften von ihm zu empfangen. Die Glaubensgemeinschaft gibt es laut Medienberichten seit Anfang der 1980er Jahre in Hanau. Mehrere Dutzend Gefolgsleute gehörten ihr zeitweise an.

Die Anführerin führte Zeugen zufolge ein strenges Regiment. Eine Aussteigerin erinnert sich mit Grausen an ihre Adoptivmutter. Sie habe ihre Notdurft in Schüsseln verrichten müssen, sei an den Ohren gezogen worden, bis diese rissen. Als ihr nach einem durch eine Ohrfeige verursachten Sturz Zähne abbrachen, soll die Übeltäterin gesagt haben: „Da bist Du aber blöd gefallen.“

Dass Kinder zur Züchtigung durchaus in einen Sack gesteckt worden seien, berichtete eine andere Aussteigerin. Sie habe bereits Monate vor dem Tod des Jungen beobachtet, wie er in einem Sack eingeschnürt im Badezimmer gelegen habe. Es habe ausgesehen wie eine Mumie, die sich auf und ab senke. „Das Bild werde ich nie aus meinem Kopf kriegen“, sagte die Zeugin, die im Jahr 1990 aus der Sekte ausstieg.

Im Prozess beteuerte die Mutter des Opfers, dass die Angeklagte keine Schuld am Tod ihres Sohnes treffe. Vielen Prozess-Beobachtern vermittelte sich der Eindruck, dass ihre Wahrnehmung beeinflusst worden sein könnte. Der Prozess wird Mitte Januar fortgesetzt. lhe