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Gefängnis Ministerin Eva Kühne-Hörmann zur religiösen Betreuung christlicher und muslimischer Häftlinge

„Gewinn für alle Anstalten“

Archivartikel

Wiesbaden.Der zu einer Gefängnisstrafe verurteilte Insasse einer hessischen Justizvollzugsanstalt sieht der ersten Begegnung mit seinem Sohn nach dem Haftantritt mit Freude, aber auch Bangen entgegen. Wie würde der Junge auf seinen Vater als Strafgefangenen reagieren? Der christliche Seelsorger in der Anstalt hat mehrere Gespräche mit ihm, und auch mit seiner Familie, geführt. Er kommt zu dem Schluss: Die beiden sollten ihr Zusammentreffen beim Sport in der Anstalt beginnen. Vorteil: Da tragen beide Sportkleidung und begegnen sich rein äußerlich auf Augenhöhe. Nur ein Beispiel von vielen aus dem Alltag der Gefängnisseelsorger, über die Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) sagt: „Sie leisten einen großen Beitrag zur Resozialisierung“ der verurteilten Straftäter.

Auch Muslime bei Pfarrern

Das fängt schon damit an, dass die Häftlinge die Verschwiegenheitspflicht der evangelischen und katholischen Geistlichen kennen und zu ihnen Vertrauen aufbauen. Laut Kühne-Hörmann werden die Pfarrerinnen und Pfarrer als Menschen von außerhalb des Haftbetriebs wahrgenommen und kommen somit oft viel besser an die Probleme und Sorgen der Betroffenen heran, als dies den Bediensteten der Vollzugsanstalten möglich ist. Die Verschwiegenheitspflicht der evangelischen und katholischen Geistlichen spricht sich auch bei den muslimischen Gefangenen herum. Da diese für die als religiöse Betreuer eingesetzten Imame nicht in dem Ausmaß gilt, wenden sich auch Muslime immer mal wieder lieber an den Pfarrer – trotz des anderen Glaubens.

49,2 Prozent der Gefangenen in hessischen Justizvollzugsanstalten bekennen sich nach Angaben der Ministerin zum christlichen Glauben, 25,2 Prozent zum Islam. Landesweit stehen 13 Pfarrstellen der evangelischen und neun der katholischen Kirche für die Gefängnisseelsorge zur Verfügung. Die Männer und Frauen sind direkt bei der Landeskirche angestellt und werden für den Dienst im Vollzug abgeordnet. Die Landesregierung erstattet den Kirchen dafür Personalkosten von 1,75 Millionen Euro im Jahr. „Ihr Einsatz ist ein Gewinn für alle Anstalten. Die Seelsorger geben den Gefangenen wieder eine gewisse Ruhe in sich selbst“, lobt Kühne-Hörmann und würdigt die „sehr gute Zusammenarbeit“ mit den Kirchen. Froh ist sie auch, dass sich die Seelsorger sogar der Bediensteten im Justizvollzug annehmen, die häufig ziemlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Für die Betreuung der Gefangenen mit muslimischem Glauben werden Honorarkräfte eingesetzt, die von den jeweiligen Haftanstalten ausgewählt werden. Die Mittel dafür sind im Landesetat in den letzten Jahren kräftig gestiegen, wie die Ministerin erläutert: von 50 000 Euro im Jahr 2013 über 260 000 im vergangenen auf 310 000 Euro in diesem Jahr. Derzeit sind 13 Imame in hessischen Vollzugsanstalten eingesetzt. Sie müssen sich vor Aufnahme ihrer Tätigkeit einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen. Probleme wie in Nordrhein-Westfalen, wo sich Imame des türkischen Moscheevereins Ditib dieser Überprüfung verweigert haben, gibt es Kühne-Hörmann zufolge in Hessen nicht. Allerdings seien hier auch keine Ditib-Imame zur religiösen Betreuung der Gefangenen eingesetzt.

Das Programm zu Deradikalisierung muslimischer Gefangener im Strafvollzug heißt NeDiS. Zum einen werden landesweit sogenannte Strukturbeobachter eingesetzt, die eine Netzwerkbildung in den Haftanstalten verhindern. Den Gefangenen wird daneben auch ein Kurs angeboten, der von Experten – wie etwa des Violence Prevention Networks – begleitet wird. „Da sind auch Seelsorger dabei, die über ihren Glauben reden und alle diesbezüglichen Fragen beantworten können. Also etwa die, ob Selbstmordattentäter wirklich zu den im Jenseits erhofften Jungfrauen kommen“, berichtet Kühne-Hörmann. Es gehe um Judentum, Christentum und Islam, die Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten, „aber auch darum, dass man sich nicht gegenseitig bekämpfen soll, sondern andere Religionen besser toleriert“. Das Programm sei sehr erfolgreich und finde international Anerkennung.