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Städtebau Umstrittene Fußgängerbrücke wird 50 / Stadt schließt Abriss aus

Gießen feiert das „Elefantenklo“

Archivartikel

Gießen.Das muss eine schmucklose Fußgängerbrücke aus reichlich Beton erst einmal schaffen: zum Wahrzeichen einer Stadt aufzusteigen. Ästheten mögen ein hässliches, straßenüberspannendes Plateau mit drei großen Löchern sehen. Für viele Gießener aber ist es ihr spöttisch-liebevoll genanntes Elefantenklo – das in den vergangenen 50 Jahren seines Bestehens sogar Kultstatus erlangt hat.

Natürlich besitze Gießen auch andere Wahrzeichen wie den Stadtkirchenturm, das Alte und das Neue Schloss oder das Zeughaus, sagt die Oberbürgermeisterin der mittelhessischen Uni-Stadt, Dietlind Grabe-Bolz (SPD). „Aber das Elefantenklo hat sich als ein augenzwinkerndes Wahrzeichen etabliert.“ Es sei allerdings auch ein Bauwerk, das spalte: Die einen wollten es im Stadtbild nicht mehr missen, die anderen träumten davon, es abreißen zu lassen.

Enorme Ausmaße

Das Elefantenklo überspannt eine vielbefahrene Kreuzung am Beginn der Fußgängerzone und hat in etwa die Ausmaße eines 50-Meter-Schwimmbeckens. An vier Seiten können die Menschen – es sind jeden Tag mehrere Tausend – über Stufen, Rolltreppen und einen Aufzug hinauf und über die Straße gelangen. In der Mitte der Plattform klaffen drei mehreckige Löcher, was der wuchtigen Konstruktion wohl auch ihren Spitznamen einbrachte.

Was heute verwundern mag: Die Konstruktion galt bei ihrer Eröffnung am 28. September 1968 als innovativ, wie der Gießener Geograf Christian Diller erzählt. Sie habe sogar einen Ingenieurspreis gewonnen. Das Bauwerk sei zwar nicht schön, doch „aus Sicht der ingenieurorientierten Architektur schon eine Besonderheit“.

Im Krieg komplett zerstört

Die Fußgängerbrücke ist auch ein Produkt ihrer Zeit: Gießens Innenstadt wurde im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört, der Wiederaufbau musste schnell gehen. Der Blick war dabei gen Zukunft und auf alles „Moderne“ gerichtet, wozu die Idee einer autogerechten Stadt gehörte - und eben eine Fußgängerbrücke über den Verkehr hinweg.

Gießen ist natürlich nicht allein mit seinem umstrittenen Bauwerk. In einem Buch über „Architektursünden in Hessen“ aus dem Jahr 2009 haben Städtebau-Experten neben dem Elefantenklo unter anderem den Königsplatz in Kassel aufgelistet, den Frankfurter Bahnhofsvorplatz und die Konstablerwache oder den Kochbrunnenplatz in Wiesbaden. Ungewöhnlich ist aber der Umgang der Gießener damit.

Mit den Jahren arrangierten sich die Einwohner mit der Beton-Platte mitten in ihrer City, stellten Blumenkübel und Bänke auf, bemalten die Stützpfeiler mit einem auf dem Klo sitzenden Elefanten – und installierten eine „Spülung“, ein Wasserspiel, das vom Plateau hinabtröpfelt.

„Das Elefantenklo wird heute mehr akzeptiert als früher“, sagt Diller vom Institut für Geografie der Uni Gießen. Der Professor hat vor zehn Jahren und jetzt zum 50. Geburtstag untersucht, wie die Einwohner das Bauwerk wahrnehmen. Die große Mehrheit meint demnach: „Das Elefantenklo ist das Wahrzeichen der Stadt schlechthin.“ Und für 80 Prozent sei es „ein ganz wichtiger Orientierungspunkt“, an dem man sich treffe und verabrede. „Dass ein Wahrzeichen mit seinem Spitznamen im Alltagsleben so verankert ist, das habe ich noch nie so erlebt.“

Und wie geht es mit dem Elefantenklo in den kommenden Jahrzehnten weiter? Zwar belaufen sich die jährlichen Unterhaltungskosten nach Angaben der Stadt im Schnitt auf 30 000 bis 40 000 Euro. Und angesichts der vielen Stufen und der immer mal wieder ausfallenden Rolltreppen ist die Konstruktion nicht barrierefrei. Doch ein Abriss steht nicht zur Debatte – auch mangels Alternativen. „Es gibt an der Stelle verkehrstechnisch eigentlich keine andere Lösung“, sagt Geograf Diller.