Länder

Kirchen In Wiesbaden ist einer der wenigen Carillonneure des Landes beschäftigt / Die meisten Instrumente funktionieren automatisch

Glocken klingen durch Handarbeit

Archivartikel

Wiesbaden.Wenn Carillonneur Thomas Frank sein Instrument anstimmt, ist er in der gesamten Wiesbadener Innenstadt zu hören. Der Arbeitsplatz des Glockenspielers liegt in rund 50 Metern Höhe im Turm der neugotischen Marktkirche. Hier bringt der Kantor an seinem Spieltisch die 49 Bronzeglocken über ihm zum Klingen. Dazu drückt er mit der leicht geöffneten Faust auf Holzstöcke, die ähnlich den Tasten eines Klaviers angeordnet sind.

Das Wiesbadener Instrument ist ein Carillon – ein handgespieltes Glockenspiel – und damit etwas ganz Besonderes. Die überwiegende Zahl der rund 250 Glockenspiele in Deutschland funktioniert automatisch. Nur bei rund 40 kann ein Carillonneur selbst Hand anlegen. Und das Wiesbadener Instrument kann sogar beides.

In einer Aufzählung der Deutschen Glockenspielervereinigung taucht nur ein weiteres Carillon in Hessen auf, das in der Alten Nikolaikirche auf dem Frankfurter Römerberg erklingt. Um ein rein automatisches Glockenspiel im Limburger Dom gab es vergangenes Jahr Wirbel, als sich eine Veganerin an dem Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ störte. Weitere bekannte Carillons hängen im Historischen Rathaus in Köln und im Französischen Dom in Berlin. „Ich bin mit diesem Instrument groß geworden“, erzählt Frank über das Glockenspiel in der Wiesbadener Marktkirche. Schon als Jugendlicher begeisterte er sich dafür, lernte auch an Instrumenten in Holland. In dem Nachbarland sind Glockenspiele wie auch in Belgien und Nordfrankreich weit verbreitet.

Sobald Frank an seinem Spieltisch im Turm der Marktkirche eine Holztaste oder einen Fußhebel drückt, wird eine Glocke mit einem Hammer angeschlagen – und der Ton breitet sich über Wiesbaden aus.

Damit dem 45-Jährigen nicht alle Passanten und Anwohner beim Üben zuhören müssen, gibt es in der Kirche noch einen identischen Spieltisch – ohne großes Publikum. Auch wenn die meisten Menschen die Glockenklänge als schön empfinden – es gibt auch mal Meckerer. Einen Nachbarn der Kirche, der sich gestört fühlte, lud Frank kurzerhand zu einem Besuch im Turm ein. Danach konnte der Mann nichts Schlimmes mehr an dem Instrument finden.

Die größte Glocke des Marktkirchen-Carillons wiegt 2,3 Tonnen, die kleinste 13 Kilo. Als das Instrument 1986 installiert wurde, mussten extra Mauern aus dem Turm herausgebrochen werden. Inzwischen können die meisten Glocken mit automatischen Hämmern angestoßen werden – erst vor kurzem wurde mit 22 000 Euro nachgerüstet.