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Gericht Im Verfahren gegen eine mutmaßliche Sektenchefin soll am Donnerstag das Urteil fallen / Vierjähriger unter ihrer Aufsicht erstickt

Grausiges Verbrechen oder Rufmord-Kampagne?

Archivartikel

Hanau.Misshandelt, eingeschnürt in einen Leinensack, abgelegt im Badezimmer, stirbt ein Vierjähriger – erstickt am eigenen Erbrochenen. So hat sich zumindest nach Auffassung der Hanauer Staatsanwaltschaft vor mehr als 30 Jahren im August 1988 ein grausiges, lange unentdecktes Verbrechen abgespielt. Sie sieht einen Mord durch Unterlassen an dem Kind. Verantwortlich sein soll eine heute 73 Jahre alte mutmaßliche Sekten-Chefin, die nach dem Willen der Anklage mit lebenslanger Haft bestraft werden soll. Die Verteidigung weist den Mordvorwurf zurück und sieht eine „Hetzkampagne angeblicher Sekten-Aussteiger“. Sie plädierte laut des Hanauer Landgerichts auf Freispruch. Es will voraussichtlich an diesem Donnerstag das Urteil gegen die Frau sprechen.

Berichte über Gewalt

Zeugen berichteten in dem seit Oktober laufenden Verfahren vom strengen Regiment der 73-Jährigen sowie von den Leiden des Jungen und auch anderer Kinder. Wegbegleiter und Aussteiger berichteten von seelischen Grausamkeiten, Gehirnwäsche, psychischer und physischer Gewalt in der Hanauer Gruppe. Ihre Gefolgschaft soll die Angeklagte mit ihrer Spiritualität beeindruckt haben. Sie gab vor, mit Gott in Kontakt zu stehen und im Traum Botschaften von ihm zu empfangen. Einem Gutachter zufolge hat sie zwar eine Persönlichkeitsstörung, ist aber voll schuldfähig. Zeugen berichteten, dass auch andere Kinder in der Gemeinschaft leiden mussten. Sie sollen eingesperrt, geschlagen und misshandelt worden sein.

Die 73-Jährige sieht in den Aussagen eine Rufmord-Kampagne. Und sie bekam im Verfahren auch Rückendeckung. So gab die Mutter des getöteten Jungen an, die ehemalige Krankenschwester sei liebevoll mit den Kindern umgegangen. Sie hütete die Kinder, während Eltern und Mitglieder der Gruppe arbeiteten.

Das mögliche Verbrechen blieb lange unentdeckt. 1988 waren Ermittler zunächst von einem Unfall ausgegangen. Als Notarzt und Polizei eintrafen, war der Sack laut Staatsanwaltschaft verschwunden und der Junge lag im Kinderzimmer. 2015 wurde der Fall nach Hinweisen von Sekten-Aussteigern neu aufgerollt. lhe