Länder

Wirtschaft 31 Banken und Kreditinstitute aus aller Welt wollen sich am Finanzplatz Frankfurt ansiedeln oder ihre Kapazitäten erweitern

„Gut auf Brexit vorbereitet“

Archivartikel

Wiesbaden.Immer wieder betonen die zuständigen Minister der hessischen Landesregierung, dass der Brexit natürlich schlecht ist – sowohl für Großbritannien als auch für Europa, Deutschland und Hessen. Die Klarstellung war durchaus nötig, denn die bisherige Bilanz des nächste Woche wirksamwerdenden Austritts Großbritanniens aus der EU fällt für den Finanzplatz Frankfurt und auch den Rest des Bundeslands gar nicht so schlecht aus.

Allein 31 Banken und Kreditinstitute aus aller Welt haben neue Niederlassungen in Frankfurt eingerichtet, sind gerade dabei oder haben zumindest ihre Filiale deutlich aufgestockt. Wenn alles gut geht, sagt Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Bild oben, Grüne), könnten die Brexit-Flüchtlinge den sonstigen Arbeitsplatzabbau von Deutsche Bank, Commerzbank und Co. ausgleichen, so dass die Stellenzahl hier entgegen dem Trend zumindest gehalten werden kann.

Genaue Zahlen über die neu geschaffenen Arbeitsplätze kann der Minister noch nicht nennen. In der Regel seien es zweistellige Zahlen, im Einzelfall aber auch schon einmal mehrere Hundert. Jedenfalls wenn man zu den 31 Geldinstituten die jeweils noch einmal so große Zahl damit verbundener Branchen wie etwa Dienstleister und die Unternehmen der Realwirtschaft hinzurechnet. Zu Letzteren gehören vorwiegend Firmen aus den Branchen Pharmazie, Chemie, Transport und Life-Science, also Lebenswissenschaften. Alles zusammen sind es laut Al-Wazir etwa 100 Unternehmen, die sich im Zuge des Brexit in und um Frankfurt herum neuangesiedelt oder entsprechend aufgestockt haben.

Vom Schaden profitiert

Wie Al-Wazir hoben auch Europaministerin Lucia Puttrich (Bild Mitte, CDU) und Finanzminister Thomas Schäfer (Bild unten, CDU) hervor, dass Hessen als einziges Bundesland somit vom Brexit bei allem wirtschaftlichen und politischen Schaden insgesamt auch profitieren könne. „Hessen ist auf den Brexit gut vorbereitet“, sagte Puttrich. Sie warnte allerdings vor vorzeitiger Euphorie. Zwar ändere sich nach dem mit der EU geschlossenen Abkommen bei Inkrafttreten des Brexit am nächsten Donnerstag nicht viel. Doch das Übergangsabkommen gelte ja nur bis zum Jahresende, und niemand wisse, was danach komme. Es sei noch keineswegs ausgeschlossen, dass sich zum 1. Januar 2021 doch noch ein harter Brexit ohne weitere Übergangsregeln anschließe.

„Einsatz war erfolgreich“

Ziehe man den fast schon beendeten Januar, die Sommerpause und die am Ende verbleibenden Monate zur Ratifizierung eines möglichen Anschlussvertrags ab, blieben für die eigentlichen Verhandlungen gerade einmal fünf Monate Zeit. Normalerweise würden größere Wirtschaftsabkommen wie das zum Handelsvertrag CETA etwa acht Jahre lang verhandelt. Und es sei derzeit nicht absehbar, welchen Kurs der britische Premierminister Boris Johnson in dieser Frage einschlage.

Auch Finanzminister Schäfer betonte, dass der Brexit „keine gute Idee für Großbritannien und Europa war“. Er fügte aber hinzu: „Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können.“ Positiv für die Ansiedlung neuer Banken habe sich gewiss auch ausgewirkt, dass Hessen erfolgreich für eine Lockerung des Kündigungsschutzes bei Spitzenverdienern gekämpft habe. „Unser Einsatz war erfolgreich. Der Finanzplatz Frankfurt ist im Bereich Banking der Brexit-Gewinner“, sagte Schäfer. Auf diesem Erfolg dürfe man sich aber nicht ausruhen. Das Land setze sich noch für Anpassungen im Steuer- und Pfandbriefrecht ein.

Puttrich betonte, Hessen wolle sich auch weiter in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe engagieren, wenn jetzt die übrigen Verhandlungen mit den Briten anstünden. Wirtschaftsminister Al-Wazir machte noch auf ein bereits eingetretenes Problem aufmerksam: Der Wert des Exports von Hessen nach Großbritannien sei – wohl auch wegen der Unsicherheit über den Brexit – im vergangenen Jahr von 4.3 auf 3,9 Milliarden Euro zurückgegangen. Der Import stieg dagegen von 4,9 auf 5,2 Milliarden. Eine Rolle habe dabei wohl auch die Schwäche des britischen Pfunds gespielt. (Bilder: dpa)