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Gericht Angeklagter im Mordfall Lübcke laut Sachverständigem schuldfähig / Voraussetzung für Sicherheitsverwahrung seiner Expertise nach erfüllt

Gutachter sieht Gefahr weiterer schwerer Straftaten

Archivartikel

Frankfurt.Stephan E., der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, ist nach Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen Norbert Leygraf schuldfähig. In den Gesprächen mit dem Angeklagten habe er keine Hinweise auf entsprechende Störungen, eine „forensisch relevante Minderbegabung“ oder Einflüsse durch Suchtmittel festgestellt, sagte der Experte am Donnerstag bei der Vorstellung seines Gutachtens vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt. Auch Hinweise auf eine Bewusstseinsstörung lägen nicht vor. Er gehe davon aus, dass E. weitere vergleichbare schwere Straftaten begehe, wenn er die Möglichkeit dazu habe.

Der 67 Jahre alte forensische Psychiater erstellt seit Jahrzehnten Gutachten zu Angeklagten. Auch mit E. hat er in der Justizvollzugsanstalt Kassel neun Stunden lang Gespräche geführt, hat den Prozess begleitet und sich dort Notizen gemacht. Für das Gericht geht es bei dem Gutachten vor allem um die Schuldfähigkeit und die Frage, ob von dem Angeklagten eine Gefahr ausgeht, die Voraussetzungen für eine mögliche Sicherheitsverwahrung schafft.

Wortwechsel mit dem Richter

Während Leygrafs Aussage sitzt E. – wie so häufig – mit nach unten gerichtetem Blick auf seinem Platz. Noch zu Beginn der Verhandlung hatte die Frage nach einer möglichen Verhandlungsunfähigkeit von E. zu einem Wortwechsel zwischen dem Vorsitzenden Richter Thomas Sagebiel und Verteidiger Mustafa Kaplan geführt, dem der Richter vorwarf, „Spielchen“ zu treiben. „Ich glaube, dass Sie die Vernehmung des psychiatrischen Sachverständigen verhindern wollen – das wird Ihnen nicht gelingen“, so der Richter. E. hatte nach Angaben seines Anwalts über Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Konzentrationsprobleme geklagt. Möglicherweise seien dies ja sogar die ersten Symptome einer Covid-19-Erkrankung.

Was für ein Mensch der im Prozess häufig wie versteinert auf seinem Platz sitzende E. ist, haben sich wohl viele Prozessbeobachter gefragt. Leygraf beschrieb den 47-Jährigen als „eher zurückhaltenden Einzelgänger, der kaum engere Freunde hat“. Nach außen wirke er emotional kühl und wenig empathisch. Er habe E. aber als stets höflich und zurückhaltend erlebt.

Zweifel an Darstellung

Die Darstellung des Angeklagten, dass er sich von der ausländerfeindlichen Einstellung seiner Jugend gelöst habe, erscheine zweifelhaft, so der Experte. Die Bereitschaft, aus dieser Gesinnung heraus schwere Straftaten zu begehen, habe er bereits als Jugendlicher und Heranwachsender unter Beweis gestellt.

Der 47-jährige Stephan E. soll Lübcke 2019 auf der Terrasse von dessen Wohnhaus erschossen haben. Zudem ist ein früherer Arbeitskollege von E., Markus H., wegen Beihilfe angeklagt. Er soll E. politisch beeinflusst haben. Die Bundesanwaltschaft geht von einem rechtsextremistischen Tatmotiv aus. lhe