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Natur Schwere Schäden im dritten Jahr hintereinander / Land stockt Hilfsmittel auf und forciert Umbau zu klimastabilerem Mischwald

Hessens Wälder in dramatischem Zustand

Archivartikel

Wiesbaden.Der hessische Wald ist schwer krank. Daran hat sich auch im Jahr Drei nach Beginn der großen Hitze- und Dürresommerwelle 2018 nichts geändert. Im Gegenteil sterben nach dem am Freitag in Wiesbaden vorgestellten Waldzustandsbericht 2020 immer mehr Bäume ab, leiden unter Pilzbefall oder fallen dem Borkenkäfer zum Opfer. Schlimmer als zur Zeit sei es seit Beginn der jährlichen Waldschadenserhebung 1984 noch nie gewesen, schlagen die Experten Alarm. Um gegen die Schäden anzugehen und den Wald klimagerecht für die Zukunft umzubauen, will die hessische Landesregierung jetzt die Mittel für die Waldrettung noch einmal aufstocken und zusätzliche Maßnahmen ergreifen.

Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) erklärte, mit den jetzt beschlossenen 50 Millionen zusätzlich beliefen sich die Ausgaben dafür bis zum Jahr 2023 nunmehr auf insgesamt 250 Millionen Euro. Sie bezeichnete den Wald als Opfer des Klimawandels. Um ihn auch für die Zukunft zu erhalten, sei die Umwandlung in einen klimastabileren Mischwald unerlässlich. Laut Johannes Eichhorn, der als Forstwissenschaftler maßgeblich an der Erstellung des Waldzustandsberichts beteiligt war, sterben vor allem die in Hessen weit verbreiteten Fichten großflächig ab. Insgesamt habe sich die Zahl abgestorbener Bäume in Hessen gegenüber dem langjährigen statistischen Mittel versiebenfacht. Und die Kronenverlichtung, die als wichtiger Indikator für den angeschlagenen Gesundheitszustand gilt, hat nach seinen Angaben um 28 Prozent zugenommen.

„Förster tun, was sie können“

Aber nicht nur junge Fichten werden zum Opfer von Hitze-, Dürreschäden und Borkenkäfern. Es trifft auch über 60 Jahre alte Bäume und so große und traditionsreiche Arten wie Buche, Kiefer und zum Teil sogar Eichen. Letztere zeigt sich aber im Großen und Ganzen noch eher stabil. Am stärksten geschädigt ist nach der Erhebung der Wald im Rhein-Main-Gebiet. Dass sich die Situation generell auch in diesem Jahr nicht gebessert, sondern sogar weiter verschlimmert hat, liegt Eichhorn zufolge vor allem daran, dass die Waldböden nach den beiden vorausgegangenen heißen Sommern von Anfang an zu wenig durchfeuchtet waren. „Die Förster tun, was sie können, aber den Klimawandel kann nur die Politik stoppen“, sagte der Leiter der Umweltabteilung in der Nordwestdeutschen Forstwissenschaftlichen Versuchsanstalt in Göttingen.

Ministerin Hinz berichtete, dass sich der zur Waldrettung im vorigen Jahr verkündete Zwölf-Punkte-Plan voll in der Umsetzung befinde. Um das Programm zu verstärken, sollen jetzt auch 45 Millionen Euro aus dem Corona-Sondervermögen des Landes fließen. Neben den verheerenden Schäden hat schließlich auch die Virus-Pandemie zum fast vollständigen Zusammenbruch des internationalen Holzmarkts beigetragen. Die prekäre Lage gerade der privaten und kommunalen Waldbesitzer verschärft sich dadurch immer mehr. Deshalb soll sie der Landesbetrieb Hessen Forst auch stärker mit der Übernahme von Försteraufgaben entlasten, ohne dass sie dafür die üblichen hohen Gebühren bezahlen müssen. Der ursprünglich geplante Abbau von 220 Stellen wird dazu gestoppt.

Zudem sollen die zusätzlichen Mittel dazu dienen, etwa die Beseitigung umsturzgefährdeter Bäume zur Verkehrs- und Wegesicherung oder die Anpflanzung neuer Bäume auf kahlen Flächen mit rund 90 Prozent zu fördern. Außerdem will das Land im Staatswald für zunächst ein Jahr auf den Holzeinschlag in Naturschutzgebieten verzichten. Als unbestritten wichtigstes Ziel gilt aber der Umbau zu einem vergleichsweise gesunden Mischwald, der wesentlich weniger anfällig für Pilz- und Insektenbefall ist. Dabei setzen Hinz und Eichhorn aber vor allem auf krisenerprobte heimische Baumarten und nicht auf exotische aus dem Mittelmeerraum, deren Zukunft in hiesigen Gefilden trotz steigender Temperaturen als unsicher gilt. Sie favorisieren Eiche, Buche und Kiefer, in sogenannten Vorwäldern aber auch Birke und Eberesche sowie vielleicht Erle.

Forderungen von Verbänden

Der Naturschutzbund BUND forderte als Konsequenz aus den klimabedingten Waldschäden eine Beschleunigung der Energiewende, der Hessische Waldbesitzerverband eine finanzielle Abgeltung für den Beitrag des Waldes vor CO2-Absenkung.