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Ausbildung Viele Abiturienten zieht es zur Polizei – an den Anforderungen scheitern erstaunlich viele Bewerber

Hohe Hürden zum Traumberuf

Stuttgart.Aufgeregt war er schon, gibt Reinhard Huber (Name geändert) zu. Der 21-Jährige erinnert sich an den dreitägigen Prüfungsmarathon, den er bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen durchlief. Am ersten Tag wurden Rechtschreibung, Grammatik, Mathematik sowie Reaktionsschnelligkeit geprüft. Am zweiten Tag musste er in 15 Minuten ein gesetztes Thema erarbeiten. Bei ihm ging es um Mobiltelefone in der Schule. Andernorts müssen sich die Bewerber in Rollenspielen, Interviews vor Auswahlkommissionen oder Diskussionen über polizeiliche Fragen bewähren.

Auch in Baden-Württemberg müssen Bewerber ein mehrstufiges Verfahren durchlaufen, um schließlich als Anwärter angenommen zu werden. Der Bedarf ist hoch: In der gesamten Legislaturperiode sollen 9000 Menschen eingestellt erden. Das entspricht einem Drittel der Stellen der Polizei, die schrittweise neu besetzt werden. Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagt: „Wenn man in Grundschulen oder gar in Kindergärten nachhorcht, dann müssten wir uns um den Nachwuchs bei der Polizei keine Sorgen machen. Für ganz, ganz viele Kinder ist der Polizeiberuf immer noch ein Traumberuf.“ Aber Nachwuchs zu rekrutieren sei trotzdem kein Kinderspiel. „Wie jeder andere Arbeitgeber kämpfen auch wir um die besten Köpfe.“

Bewerber gab es in diesem Jahr mehr als genug: Auf 1600 Plätze kamen 5800 Interessierte. Je höher der Schulabschluss, desto besser die Chancen, den Einstieg in den Traumberuf auch tatsächlich zu bekommen. Ohne Abitur geht etwa in Nordrhein-Westfalen gar nichts, weil dort nur der gehobene Dienst mit Studium und Bachelor-Abschluss angeboten wird.

Bessere Chancen für Abiturienten

In Baden-Württemberg hatten sich für den hier noch existierenden mittleren Dienst 35 Prozent Abiturienten und 65 Prozent Realschüler beworben. Von den Abiturienten wurden 70 Prozent eingestellt, von den Realschülern kamen nur 30 Prozent zum Zug.

Die Prüfungen weichen in den Ländern voneinander ab, jedoch zeigt sich, dass die Rechtschreibung eine Achillesferse der Bewerber ist. Im Südwesten besteht ein Drittel der Bewerber den Auswahltest nicht. Die meisten scheitern an der Rechtschreibung. Doch warum ist Orthografie so wichtig für den Beruf? Jungpolizist Huber, der den Test bestanden und seine dreijährige Hochschulausbildung fast beendet hat, kann ein Lied davon singen: „Die Hälfte der Arbeitszeit sitzt man im Büro und schreibt Anzeigen an Staatsanwaltschaft und Gericht – das ist schon sehr viel Papierkram.“

Die Bewerber müssen aber auch mit körperlicher Fitness aufwarten. Vor allem Ausdauer ist gefragt. Auch hier unterscheiden sich die Tests. In Baden-Württemberg kann der Sportleistungsnachweis – ein 3000-Meter-Lauf – durch das Deutsche Sportabzeichen ersetzt werden. In Niedersachsen etwa umfasst die Prüfung einen 5000-Meter-Lauf in maximal 28 Minuten für Männer und 33 Minuten für Frauen. Für Aspiranten unter 1,63 Meter soll ein Vortest sicherstellen, dass die kleineren Bewerber Zwangsmaßnahmen durchsetzen können. Im Südwesten liegt die Grenze bei 1,60 Meter. Einsatzmöglichkeiten gibt es bei der Polizei viele: Von der Wasserschutz- über die Kriminalpolizei bis zur Diensthundestaffel und der Verkehrspolizei.

Beruf und Berufung

Aus dem Innenministerium in Stuttgart heißt es, Polizeidienst sei Beruf und Berufung zugleich. Die Polizei genieße seit Jahren in vielen Umfragen ein konstant hohes Vertrauen in der Bevölkerung. Stress und körperliche Attacken nehmen allerdings zu. In der Stuttgarter Krawallnacht im Juni waren Beamte von Gruppierungen junger Männer massiv angegriffen worden. Mehr als 30 Polizisten wurden verletzt.

Für Polizeianwärter Huber, der gerade seine Ausbildung beendet, war die Job-Sicherheit als Beamter ein entscheidendes Kriterium: „Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, es gibt wegen Corona keine Kurzarbeit oder Gehaltskürzungen – das ist in Zukunft mehr wert als ein hohes Gehalt.“ lsw

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