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Medizin Patienten können Mediziner über das Internet kontaktieren / Positive Zwischenbilanz der Testphase

Hohe Zufriedenheit, kurzfristige Termine

Archivartikel

Stuttgart.Martina Hartmann ist begeistert. Die in Mannheim niedergelassene Allgemeinmedizinerin ist eine von 40 Ärzten, die am Telemedizin-Projekt docdirect der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) teilnehmen. „In etwa 70 Prozent der Fälle reichte ein Gespräch zur Abklärung der Symptome“, berichtet sie.

Docdirect soll nach Ablauf der zweijährigen Testphase im April 2020 zum festen Bestandteil medizinischer Versorgung in Baden-Württemberg werden. Dieses Ziel nannte der KVBW-Vorsitzende Johannes Fechner gestern in Stuttgart bei der Vorstellung der docdirekt-Bilanz des ersten Jahres. Auch andere Bundesländer wollen das Modell übernehmen.

Wartezimmer werden entlastet

Im Rahmen des Telemedizin-Projekts können Patienten, die ihren Hausarzt nicht erreichen können, zuhause von einem per Telefon, App oder online zugeschalteten Arzt beraten und behandelt werden. Das Angebot richtet sich an alle gesetzlich Versicherten Patienten in Baden-Württemberg, wird von den Krankenkassen mitgetragen und ist kostenlos.

Die Bilanz der KVBW nach einem Jahr Testlauf fällt positiv aus: „Es gibt eine hohe Zufriedenheit bei den Patienten, keinen Fall von Fehlbehandlung, niedergelassene Ärzte sind kurzfristig erreichbar, Wartezimmer und Notaufnahmen werden entlastet. Telemedizin ist in Zeiten des wachsenden Ärztemangels ein wichtiges zusätzliches Angebot“, sagt Fechner. Er macht aber klar: „Der Hausarzt wird nicht ersetzt.“

Das Prinzip: Patienten nehmen unter einer zentralen Telefonnummer oder per App Kontakt zu docdirekt auf. Dort erfasst eine medizinische Fachangestellte Personalien, Symptome und Dringlichkeit. Notfälle werden direkt an die Rettungsleitstellen übergeben. Für die anderen Patienten wird ein „Ticket“ erstellt, das online von allen teilnehmenden Tele-Ärzten eingesehen werden kann. Ein Tele-Arzt nimmt sich den Fall, ruft den Patienten zum vereinbarten Termin zurück, spricht die Symptome durch und gibt Behandlungsempfehlungen. Idealerweise sehen sich Arzt und Patient im Video-Chat. Ist ein Arztbesuch nötig, vermittelt docdirekt einen Termin bei einer Praxis in der Nähe.

Die bislang 40 teilnehmenden Ärzte sind qualifizierte niedergelassene Vertragsärzte der Krankenkassen. 3092 Kontakte zählte die KVBW im ersten Jahr zwischen Patienten und docdirekt, wobei nicht jeder Anruf zu einem Arztgespräch führte. „Davon gab es im Schnitt zehn bis zwölf am Tag“, sagt Fechner.

Erreichbar ist docdirekt derzeit nur von Montag bis Freitag zwischen neun und 19 Uhr. Weil viele Anrufe am Morgen kommen, will docdirekt künftig früher erreichbar sein. Erste Statistiken zeigen: 50- bis 60-Jährige nutzten das Angebot am häufigsten.

Martina Hartmann nimmt die Tele-Behandlung in einem separaten Sprechzimmer ihrer Praxis vor, die Termine werden in den regulären Praxisablauf integriert. Etwa 200 Telemedizinfälle, schätzt die Mannheimer Medizinerin, waren es für sie in diesem ersten Jahr. Am liebsten würde sie das Angebot auch ihren eigenen Patienten in Mannheim machen. „Das wäre eine tolle Sache, da würden viele mitmachen“, glaubt sie.