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Soziales In Hessen werden dringend Pflegeeltern gesucht / Zahl der betroffenen Kinder sinkt seit Jahren wieder / Entscheidung muss gründlich überdacht werden

„Ich bin ihre Mama – vom ersten Tag an“

Darmstadt.Leo und Alice sitzen entspannt am Wohnzimmertisch und essen Kekse. Sie flunkern und lachen mit ihren Eltern. Die beiden Elfjährigen leben, seit sie ein paar Monate alt waren, bei dem Ehepaar Schneider (Name geändert) im Kreis Offenbach. Das Paar hat die beiden vor gut zehn Jahren als Pflegekinder in die Familie aufgenommen, mit dem Einverständnis ihrer damals schon älteren beiden Söhne. Mittlerweile sind sie zu siebt – Leo und Alice, drei leibliche Kinder und das Ehepaar Schneider. „Ich bin ihre Mama und das war ich vom ersten Tag an. Wir machen da keinen Unterschied“, sagt Sylvia Schneider.

Die beiden fröhlichen Elfjährigen sind wie viele Tausende anderer Kinder in Hessen zur Pflege in Familien gekommen. Nach einem Anstieg in den vergangenen Jahren ging 2018 die Zahl der Kinder in Pflegefamilien leicht zurück. Ein Grund für den leichten Rückgang könnte Statistikern zufolge die geringere Zahl junger Flüchtlinge sein.

Landkreise sind zuständig

Ende vergangenen Jahres lebten dem Statistischen Landesamt zufolge 4216 Minderjährige in Pflegefamilien, im Jahr zuvor waren es 4409. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 lebten dem Sozialministerium zufolge noch knapp 3300 Kinder in Hessen dauerhaft in Pflegefamilien. Tausende leben zudem in Heimen.

„In den vergangenen Jahren sind die Bedarfe wegen Kindeswohlgefährdungen generell gestiegen, so dass in der Folge mehr Kinder in Pflegefamilien untergebracht wurden“, sagt eine Sprecherin des hessischen Sozialministeriums. Gründe, ein Kind in eine Pflegefamilie zu geben, können Krankheit oder mangelnde Erziehungskompetenzen der Eltern, Gewalterfahrung oder eine unzureichende Förderung sein. Zuständig sind dann die Jugendämter in den Landkreisen – und die suchen landauf und landab nach geeigneten Kandidaten. Unlängst ging auch der Kreis Offenbach mit der Bitte an die Öffentlichkeit: „Pflegeeltern gesucht!“

„Pflegeeltern müssen vom Anforderungsprofil her bereit sein, mit dem Fachdienst Jugend und Familie, aber auch mit den leiblichen Eltern im Interesse des Kindes zusammenzuarbeiten“, umschreibt der Kreis die Aufgaben, für die es auch finanzielle Unterstützung gibt. Sie müssten Verständnis für Nöte und Lebensumstände mitbringen und Geborgenheit vermitteln können. „Pflegeeltern sollten daher belastbar sein und Freude am Zusammenleben mit Kindern haben.“

„Wir hatten da beim Jugendamt auch Ansprechpartner, die waren echt klasse“, sagt Volker Schneider. Natürlich müsse man jede Menge Papiere vorlegen wie ein Führungszeugnis, einen ausführlichen Lebenslauf oder auch eine Begründung, warum man die Pflegschaft übernehmen will. Aber das Jugendamt übergebe ja auch eine Menge Verantwortung an jemanden, den es überhaupt nicht kenne, sagt der 59-Jährige. „Die waren immer da, immer bereit, wenn irgendetwas war“, sagt seine Frau.

Die Integration von Leo und Alice sei kein Problem gewesen. Da hätten auch die älteren Söhne mitentschieden, sagt die 52-Jährige. „Ich fand die Idee schön, Geschwister zu haben und ich fand die Idee schön, zwei Kindern helfen zu können“, sagt der heute 21 Jahre alte Julian. „Ein Kind großziehen ist immer schwierig.“ Da mache es keinen Unterschied, ob es die eigenen oder Pflegekinder seien. Als ältere Geschwister habe man so auch gelernt, Verantwortung zu übernehmen – Flasche geben, ins Bett bringen, aufpassen.

Blöde Sprüche

Innerhalb der Familie habe es keine Probleme gegeben und auch die zuständigen Behörden hätten immer hilfreich zur Seite gestanden, sagen die Schneiders. Unverständnis habe es da schon eher von Dritten gegeben. „Natürlich gab es im Kindergarten oder in der Schule manchmal blöde Sprüche“, erzählt Sylvia Schneider. Und von anderen sei sie gefragt worden: „Kannst Du die beiden genauso lieb haben wie deine Leiblichen?“ – vor den Augen von Alice und Leo.