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Architektur Bankenmetropole gehört deutschlandweit zu den teuersten Städten / Preise durch Musterwohnungen senken

In Frankfurt sollen demnächst wieder alle wohnen können

Frankfurt.Der Neubau in der Gräfendeichstraße 52 in Frankfurt-Oberrad fällt schon beim ersten Blick aus dem Rahmen: An der Straße gibt es keinen Zugang. Stattdessen führen im Hinterhof Treppen von außen zu den Wohnungen. Damit entfallen Zuführungen innerhalb des Hauses – es kann rationeller gebaut werden.

In den Wohnungen liegen in Küche oder Bad an Wänden und Decken die Leitungen offen. „Aufputz“ nennen es Fachleute, wenn die Installationen nicht im oder unter dem Putz verlaufen. Ein weiteres Mittel, um Bauen billiger zu machen. Zweckmäßig geht es auch bei der Ver- und Entsorgung des Wassers zu. Dafür findet sich jeweils nur ein Rohr in den Wohnungen.

Mit dem Modellprojekt hat es Frankfurts stadteigene Wohnungsbaugesellschaft ABG geschafft, die Baukosten deutlich zu senken. Zehn Euro kostet der Quadratmeter netto Mieter in Oberrad. Das sind einige Euro weniger, als im hochpreisigen Frankfurt im frei finanzierten Wohnungsbau derzeit üblich sind.

Jetzt will die ABG noch einen weit größeren Schritt machen: Im Nordwesten sollen im Wohnbaugebiet „Im Hilgenfeld“ rund 200 Musterwohnungen entstehen, die beweisen sollen, dass kostengünstiges Bauen heute auch im größeren Maßstab möglich ist. Das Besondere: Unter dem Motto „Wohnen für alle“ hat die Stadt europaweit in einem Wettbewerb nach Architekten gesucht –in Kooperation mit dem Deutschen Städtetag und dem Deutschen Architekturmuseum.

Ökologisch ambitioniert

Unter den mehr als 100 Entwürfen sind jetzt vier prämiert worden. Es sind Architekten aus Zürich, Amsterdam, Paris oder Hamburg vertreten. Über seinem Wiener Ableger ist auch das renommierte Frankfurter Büro Schneider+Schumacher indirekt dabei. Mit den Architekten hat die ABG bereits beim Projekt im Stadtteil Oberrad kooperiert.

So verschieden die – auch ökologisch durchaus ambitionierten – Entwürfe sind: Beim Bauen setzen sie verstärkt auf vorgefertigte Module und fordern in der Planung große Disziplin ein. „Kompakte Grundrisse sind das große Thema“, sagt Frank Junker, Geschäftsführer der ABG. Beim „Wegkommen von den DIN-Normen“ sieht er noch erhebliches (Einspar-)Potenzial. Dies bedeute aber nicht, dass es beim Schallschutz Abstriche gebe, stellt Junker klar.

Dass Bauen heute in Großstädten wie Frankfurt kaum noch bezahlbar ist, liegt aber nicht nur an den Grundrissen und teuren Materialien oder an den von Architekten beklagten überbordenden deutschen Vorschriften. Das größte Problem sind die horrenden Grundstückspreise. „Knappes Bauland und hohe Bodenpreise sind in den Ballungsgebieten mit Abstand die größten Preistreiber“, sagt die Präsidentin der Architektur- und Stadtplanerkammer Hessens (AKH), Brigitte Holz.

In Frankfurt sind die Bodenpreise in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. Daher will Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD), der im Innern der Stadt ohnehin kaum mehr über bebaubare Grundstücke verfügt, im Norden der Stadt auf beiden Seiten der Autobahn 5 einen neuen Stadtteil für 30 000 Menschen bauen.

An Vergangenheit anknüpfen

Dagegen gibt es jedoch großen Widerstand aus dem Umland – anders als bei den 850 Neubauten im 14 Hektar großen Hilgenfeld. Davon werden 40 Prozent öffentlich gefördert sein. Bei den etwa 200 Muster-Wohnungen, für die der Wettbewerb ausgelobt wurde, müssen Entwürfe nochmals „optimiert“ werden.

Junker hofft, dass im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten begonnen werden kann. Letztlich könnten die Wohnungen im Hilgenfeld zu einem Quadratmeterpreis von etwa 11,50 Euro netto vermietet werden – das ist teurer als in Oberrad. Inzwischen sind die Grundstückspreise in Frankfurt wieder deutlich gestiegen, wie Junker sagt.

Frankfurt will sich mit dem Projekt wieder einen Namen beim innovativen Bauen machen – und an das „Neue Frankfurt“ anknüpfen, das derzeit in einer Ausstellung im Architekturmuseum gezeigt wird. Unter Städteplaner Ernst May (1886-1970), der ab 1925 innerhalb von wenigen Jahren mit öffentlichen Mitteln fast 12 000 Wohnungen errichten ließ, war die Stadt deutschlandweit Pionier im Siedlungsbau.

Schon damals war die ABG der Bauträger. „Wir sehen dies als Verpflichtung“, sagt Junker. Doch billiges Bauen steht heute immer auch im Verdacht, langweilig und monoton zu sein. „Es ist wenig zielführend, ,Wohnen für alle’ als Vorwand für modernen Schlichtwohnungsbau zu nutzen“, sagt dazu AKH-Präsidentin Holz.