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Randalierer Mehr als die Hälfte der in Stuttgart Festgenommenen hat Migrationshintergrund

Jung, betrunken, gewaltbereit

Stuttgart.Um drastische Worte ist Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) nicht verlegen, wenn es um die Stuttgarter Randalierer geht. „Sonntags Randale, montags im Bau“, sagt der CDU-Politiker mit Genugtuung. Er sei darüber jedenfalls nicht traurig und hoffe, dass es zu weiteren Festnahmen kommt. Anschließend fächert Strobl die ersten Ermittlungsergebnisse der 40-köpfigen Sonderkommission „Eckensee“ auf. Zwischenzeitlich ist die Zahl der vorläufig festgenommenen Tatverdächtigen auf 25 gestiegen. Neun Haftbefehle wurden beantragt, in einem Fall wurde die U-Haft gegen Kaution ausgesetzt, acht Verdächtige sitzen, um es mit Strobls Worten zu sagen, im Bau.

„Wer war das, aus welchen Milieus kommen die Täter“, will Ministerpräsident Winfried Kretschmann wissen. Nur so könne man zielgerichtet Maßnahmen ergreifen, dass sich das nicht wiederhole. „Das sind in der Geschichte Baden-Württembergs nie da gewesene Gewaltexzesse“, ordnet der Landesvater die Krawallnacht ein.

Einiges haben die Ermittler schon zusammengetragen. Als jung, männlich, betrunken und mit Migrationshintergrund lässt sich der Befund zusammenfassen. Von den 25 Verdächtigen haben 13 einen ausländischen Pass. Dazu zählen EU-Bürger aus Kroatien, Lettland, Polen und ein Portugiese. Neun der Festgenommenen weisen einen Flüchtlingsbezug auf (afghanisch, bosnisch, irakisch und somalisch). Teils sind sie als Flüchtling anerkannt, zum Teil noch im Verfahren oder mit Duldung.

Jüngster Verdächtiger ist 14

Unter den zwölf Verdächtigen mit deutscher Staatsangehörigkeit haben nach dem bisherigen Kenntnisstand der Polizei fünf einen Migrationshintergrund. Da seien die Ermittlungen aber noch nicht abgeschlossen, betont Strobl.

Bei der Randale war, wie oft bei Gewalt gegen Polizei, viel Alkohol im Spiel. Acht der Festgenommenen hatten zwischen 0 und 0,5 Promille im Blut, ebensoviele zwischen 0,6 und 1,1. Bei vier Verdächtigen schwankte der Pegel zwischen 1,26 und 2 Promille, der Spitzenwert lag bei 2,34 Promille. In vier Fällen seien keine Alkoholmessungen vorgenommen worden. Die Drogentests waren noch nicht ausgewertet.

23 Festgenommene waren Männer zwischen 14 und 33 Jahren. Sieben waren noch keine 18 Jahre, neun unter 21. Vor diesem Hintergrund hat der Ministerrat beschlossen, den Jugendkammern zur Prozessbeschleunigung mehr Richter bereitzustellen. „Die Strafe soll der Tat auf dem Fuß folgen“, sagt Justizminister Guido Wolf (CDU). In Mannheim und Freiburg habe man dazu gerade im Juni Pilotprojekte gestartet, weitere seien geplant. Das Maßnahmenpaket sei lange vorbereitet und gehe zurück auf die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung vor einem Freiburger Club.

Kretschmann plädiert für Härte: „Wir werden mit aller Macht gegen diese brutalen Ausschreitungen vorgehen.“ Ein schwieriges soziales Umfeld lässt er nicht als mildernde Umstände anrechnen. „Es handelt sich um junge Männer, die offenkundig von krimineller Energie getrieben sind“, betont er. Seiner Ansicht nach „lässt sich das mit Frust über Corona-Beschränkungen nicht erklären“. Auch gebe es in Deutschland bei der Polizei keine amerikanischen Verhältnisse.

Konflikt zwischen Stadt und Land

Bei den Stuttgarter Kommunalpolitikern haben hektische Aktivitäten begonnen. Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) lässt Alkoholkonsumverbote und Videoüberwachung an zentralen Feierplätzen prüfen. Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) will „die ganze Palette der polizeilichen präventiven und repressiven Mittel abarbeiten“. Ein erstes Gespräch mit der Polizei hat am Dienstag stattgefunden.

Beim Land fragen sie sich allerdings, warum Stuttgart erst jetzt in die Gänge kommt. Strobl verweist auf Sicherheitspartnerschaften, wie er sie mit den Städten Freiburg und Heidelberg abgeschlossen hat. In Stuttgart sei man seit 2014 im Gespräch, erklärt Kretschmann. Unausgesprochen bleibt, dass es in all den Jahren nur punktuell konkrete Sicherheitsmaßnahmen gab.

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