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Wirtschaft In Großstädten entstehen Friseurmeilen / Kaufkräftige Kunden und Bezahlung unter Mindestlohn prägen das Gewerbe

Kampf um Hessens Köpfe

Kassel/Frankfurt.Wenn Friseurmeisterin Sandra Hilpert einen Blick auf die Konkurrenz werfen will, braucht sie nur zur Tür ihres Geschäfts „Schicke Schnitte“ hinauszugehen: Das nächste Angebot zum Haareschneiden ist an der Friedrich-Ebert-Straße in Kassel stets wenige Meter entfernt. Knapp 20 Friseure gebe es an der Straße, schätzt Hilpert. Die Situation erstaune Kunden: „Jeder fragt sich: Wie machen die das?“, sagt Hilpert. Ihre Antwort: „Der Markt ist riesengroß.“

Die Friedrich-Ebert-Straße ist ein Beispiel der Entwicklung in großen Städten: In einigen Quartieren bestimmen Friseurgeschäfte das Straßenbild. Von „Friseurmeilen“ will man beim Arbeitgeberverband Friseurhandwerk nicht sprechen. Doch dass sich Friseure in einigen Straßenzügen und Vierteln ballen, hat auch der Verband festgestellt.

Die Kasseler Friseurmeisterin Hilpert ist seit fünf Jahren an der Friedrich-Ebert-Straße. Viele der Friseure dort kennt sie persönlich. Man habe früher zusammengearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. „Jeder hat eine eigene Philosophie“, sagt sie. In Zeiten von sozialen Netzwerken zähle das Gesamtpaket, um sich am Markt zu positionieren. Hilpert setzt auf Wohnzimmeratmosphäre. Dass an der Friedrich-Ebert-Straße jeder seine Nische findet, liegt auch an der Lage: Sie führt durch den hippen Stadtteil Vorderer Westen. Die Kundschaft gilt als kaufkräftig, Billigfriseure gibt es nicht.

Stärkster Handwerkszweig

Statistisch gesehen ist jeder zehnte Handwerksbetrieb in Hessen ein Friseur. 6452 Friseurbetriebe gab es laut der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern zuletzt. Sie sind damit der stärkste Handwerkszweig. Die Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren um 400 gestiegen. Die Ursachen sind vielfältig: Zum einen seien da Friseure aus „anderen Kulturkreisen“, wie René Hain vom Arbeitgeberverband Friseurhandwerk sagt: „Den Trend der Barber-Shops haben nicht die deutschen Betriebe gesetzt, sondern Friseure aus dem arabischen und türkischen Raum.“ Ein Meisterabschluss ist Voraussetzung für die Eröffnung eines Salons. Manchmal geht es auch ohne, wenn man umfassende Ausbildung nachweisen könne.

Für ein Problem hält der Verband die hohe Zahl an Friseurgeschäften nicht: „Der Markt ist größer geworden, auch weil die Herren umdenken“, erklärt Hain. Die Männer seien wie die Damen bereit, für den Friseur „den einen oder anderen Euro mehr zu zahlen“. Den Rest regele der Markt – sofern sich alle an die Spielregeln hielten und die allgemeinverbindlichen Tariflöhne zahlten.

Denn das Friseurhandwerk kämpft auch mit Problemen wie Schwarzarbeit und Bezahlung unter dem Mindestlohn. Die Problematik sei bekannt, sagt eine Sprecherin des Hauptzollamts Frankfurt, ohne Zahlen zu nennen.

Angestellte Friseure müssen in Hessen mindestens einen Stundenlohn von 9,72 Euro bekommen, erfahrene Fachkräfte 11,22 Euro. Das sieht der Tarifvertrag zwischen der Gewerkschaft Verdi und der Friseurinnung vor. Diesen hat das Sozialministerium am Dienstag für allgemeinverbindlich erklärt. lhe