Länder

Ernährung Eine Straußenzucht ist ein aufwendiges Unterfangen / Farm im südhessischen Schaafheim verkauft über Hofladen

„Kein Fleisch für breite Masse“

Archivartikel

Schaafheim.Strauße können verschlagen schauen. Die Tiere sind neugierig, ängstlich und eigentlich ziemlich dumm. Rund 150 der bis zu 70 Stundenkilometer schnellen Laufvögel haben ein Zuhause auf dem Tannenhof im südhessischen Schaafheim. Namen hat der überwiegende Teil der Tiere nicht. Ihr Ende ist absehbar. Eineinhalb Jahre nach dem Schlüpfen führt ihr Weg in die Schlachterei. „Straußenfleisch ist ein Nischenprodukt und das wird es auch bleiben“, sagt Straußenzüchterin Stephanie Roth. Die 38-Jährige betreibt zusammen mit ihrem Mann und ihren Eltern den Tannenhof.

„Das ist kein Fleisch für die breite Masse, dafür gibt es einfach gar nicht genug“, sagt Roth. Die Tiere seien kein Industrialisierungsprodukt. Wer allein vom Fleisch leben wolle, brauche schon 800 bis 900 Tiere.

„Es gibt vielleicht 50 Farmen, die wirtschaftlich davon leben können“, sagt der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Straußenzüchter, Ralph Schumacher, über die Lage in Deutschland. Es gebe aber sehr viele kleine Straußenfarmen als Nebenerwerbsbetriebe. Auch Schumacher ist sich sicher, dass Straußenfleisch ein Nischenprodukt bleibt. Zur Dimension: Unter den fast 710 Millionen Geflügelschlachtungen 2018 in Deutschland waren dem Statistischen Bundesamt zufolge gerade mal gut 2000 Strauße.

Alles was als Nachwuchs kommt, sei erst einmal für die Schlachtung bestimmt, so Roth. Reich wird man davon aber nicht. Auch wenn die Preise für ein Kilogramm Filet bei örtlichen Schwankungen bei bis zu 50 Euro liegen, und so groß die Tiere sind, viel Fleisch ist nicht dran. Ein 100 Kilogramm schwerer Strauß bringt Roth zufolge rund 25 Kilo Filet und Gulaschfleisch sowie zehn Kilo für Wurstwaren. Der Rest: Leder, Federn und Knochen. Mit seinen rund 150 Tieren auf fünf Hektar Weidefläche erwirtschaftet der Tannenhof nur ein Drittel seiner Einnahmen.

Selbstvermarktung wichtig

Kooperationen mit dem Einzelhandel gebe es nicht, ebenso wenig regelmäßige Anfragen von Restaurants. Das laufe überwiegend über Direktvermarktung im Hofladen, in dem Roth auch Kunstgegenstände wie selbst bemalte Straußeneier, Lampen aus Straußeneiern oder Geldbeutel aus Straußenleder anbietet. Einnahmen gibt es zudem über Führungen, Ackerbau und auch Hoffeste, zu denen bis zu 1000 Leute über ein Wochenende kommen. Allerdings nicht in Corona-Zeiten – hier bleiben die Kosten und das Geld verdienen kommt zu kurz. „Wir wissen noch nicht, ob wir im Winter Rechnungen bezahlen können“, sagt die gelernte Erzieherin, die bei den Bürgermeisterwahlen am 1. November auch Gemeindechefin in Schaafheim werden will.

„Die Problematik liegt daran, dass man selber vermarkten muss“, sagt auch Schumacher. Bringe man das Fleisch über Zwischenhändler an den Kunden, bleibe noch weniger übrig. Wer nicht selber die Möglichkeit habe, brauche eine EU-zugelassenen Schlachtbetrieb. Töten, Rupfen, Ausnehmen, Kühlung und Zerlegen: Für eine Schlachtung auf dem eigenen Hof, wie sie Schumacher auf seiner Farm in Remagen hat, braucht es gekachelte Räume und abgedichtete Böden. „Ich kann schlachten, aber eine Schlachterei kostet 100 000 Euro“, sagt Roth.

Keine Streicheltiere

Die Aufzucht ist in Deutschland kein Problem. „Selbst nasskaltes Wetter, Schnee, Eis und extrem niedrige Temperaturen stellen keine Gefährdung der Gesundheit von Straußen dar. Lediglich kalter Starkwind und starke Sonneneinstrahlung in Verbindung mit sommerlicher Hitze dauerhaft über 30 Grad können Wohlbefinden und Gesundheit gefährden“, so ein Gutachten des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Vorsicht ist aber geboten. „Straußen sind keine Streicheltiere. Ich habe ständig blaue Flecken“, sagt Roth. Doch die Tiere können nicht nur mit dem Schnabel hacken. „Ein Tritt kann einen Löwen töten.“ Auf dem Tannenhof begann die Zucht vor rund elf Jahren. „2009 kamen die ersten vier Zuchttiere.“ Mittlerweile seien es 24. Die Tiere bekommen auch Namen. Ihnen bleibt das Schicksal ihrer Artgenossen in den benachbarten Gehegen erspart. dpa