Länder

Frankfurt Hessische Landesregierung tagt demonstrativ in Jüdischer Gemeinde, um Zeichen zu setzen

„Kein Rabatt“ bei Antisemitismus

Frankfurt.Neben einem leibhaftigen Ministerpräsidenten hat Elias, 14-jähriger Schüler der jüdischen Lichtigfeld-Schule in Frankfurt am Main, bislang noch nie gesessen. Doch bei dem demonstrativen Besuch des hessischen Landeskabinetts in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde durfte er neben Regierungschef Volker Bouffier (CDU) Platz nehmen. Da berichtete der Junge, wie wohl er sich in der jüdischen Schule fühlt, die ja auch kleinere Klassen als üblich habe. In der staatlichen Schule, die er vorher besuchte, sei er als Jude dagegen immer mal wieder von Mitschülern beschimpft oder gar geschlagen worden. Und als er und ihm Wohlgesinnte zusammen einen Lehrer ins Vertrauen zogen, habe der nur gesagt, das mögen die Schüler bitte unter sich klären.

Die Bitte von Elias an die komplett anwesende Landesregierung: Man möge Lehrer doch künftig bitte ausbilden, wie sie klüger mit solchen Problemen umgehen und sich schützend vor die Betroffenen stellen könnten.

Glaubt man den Versicherungen Bouffiers und seiner Kabinettskollegen, dürfte der Junge auf offene Ohren stoßen. „Bedrohung jüdischen Lebens ist gleichzeitig ein Angriff auf uns alle, den wir nicht hinnehmen“, sagte der Ministerpräsident. Die Kabinettssitzung in der größten jüdischen Gemeinde Hessens just am Jahrestag der Staatsgründung Israels solle „kein Ritual“ sein, betonte Bouffier, sondern ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus. Der Ministerpräsident bekräftigte die Absicht, einen eigenen Antisemitismusbeauftragten für das Land Hessen einzusetzen, nannte aber keinen konkreten Zeitpunkt. Die Landesregierung sei „in guten Gesprächen mit der Jüdischen Gemeinde“, und er erwarte in absehbarer Zeit Ergebnisse. Er freue sich, dass inzwischen wieder rund 11 000 Menschen jüdischen Glaubens in Hessen lebten. Die Landesregierung wolle alles ihr Mögliche dafür tun, dass sie sicher und ohne Angst bleiben könnten. Es dürften keine Verhältnisse wie in Frankreich entstehen, wo die Jüdischen Gemeinden ihren Mitgliedern dazu rieten, das Land zu verlassen.

Hass aus der Gesellschaftsmitte

Wie Bouffier beklagten auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, und Jacob Gutmark vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen, dass die Hemmschwelle für Antisemitismus in Deutschland gefallen sei. Gutmark kritisierte, im Kampf dagegen sei zu sehr auf Rhetorik und zu wenig aufs Tun gesetzt worden.

Ann-Christin Wegener von der Beobachtungsstelle für Antisemitismus beim Landesamt für Verfassungsschutz berichtete von judenfeindlichen Äußerungen in Onlineportalen auch aus der Mitte der Gesellschaft und mahnte, den Antisemitismus nicht vor von Rechtsextremisten, sondern auch von Muslimen ernst zu nehmen. Auch der stellvertretende Ministerpräsident Tarek Al-Wazir (Grüne) betonte, da gebe es „keinen Rabatt“, von wem auch immer Judenfeindlichkeit komme.