Länder

Medizin Ärzte sehen Schwangerschaften unkritisch / Praxen reduzieren Zahl der Begleiter für Vorsorgeuntersuchungen

Kinderwunsch während der Corona-Krise

Ulm.In seiner Praxis ist deutlich weniger los als sonst: Friedrich Gagsteiger ist Reproduktionsmediziner in Ulm und hilft Paaren bei ihrem Kinderwunsch. Zu Beginn der Corona-Pandemie gehörten Kinderwunschtherapien nicht zu den notwendigen medizinischen Eingriffen. Im März und April seien nur die wichtigsten Behandlungen durchgeführt worden, um das Gesundheitssystem nicht zu belasten, so Gagsteiger. Doch das ändere sich seit ein paar Wochen wieder – auch wenn die Nachfrage in Corona-Zeiten noch etwas verhalten sei.

„Viele Paare sind verunsichert“, sagt der Mediziner. Aktuell sind es rund ein Drittel weniger Behandlungen als sonst. „Wir erwarten, dass es im Laufe des Jahres wieder mehr werden.“ Gagsteiger betreibt drei Kinderwunschpraxen im Südwesten – neben Ulm auch in Stuttgart und Ravensburg. Seit 1993 haben er und sein Team mehr als 10 000 Paaren, bei denen es auf natürlichem Wege nicht geklappt hat, zu Nachwuchs verholfen.

Beratungen übers Internet

Seine Sprechstunde läuft seit der Corona-Krise vor allem per Videoanruf ab. Das Ulmer Kinderwunsch-Zentrum setzt in Zeiten der Pandemie vermehrt auf Onlineberatung. Dies könne man als positiven Nebeneffekt interpretieren: „Die Telemedizin hat einen Sprung nach vorne gemacht.“ Viele Paare schieben den Kinderwunsch wegen der Pandemie erst einmal wieder zur Seite. Manche haben Angst vor einem Jobverlust, andere sind in Kurzarbeit und haben deshalb finanzielle Einbußen. „Manche denken jetzt aber auch ihr Leben um und wollen einen anderen Lebensstil – etwa mit Kind“, so Gagsteigers Erfahrung. Noch wisse man wenig über die Auswirkungen von Corona während der Schwangerschaft, sagt Markus Haist, Landesvorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte in Baden-Württemberg. „Das Virus ist neu, die Erforschung dauert noch an.“ Bisher gebe es aber keine beunruhigenden Hinweise. „Abraten von einer Schwangerschaft während der Corona-Krise kann ich nicht“, sagt der Experte.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sieht zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine besonders hohe Gefährdung durch das neuartige Coronavirus für Schwangere. „Es wird erwartet, dass die große Mehrheit der schwangeren Frauen nur leichte oder mittelschwere Symptome, ähnlich einer Erkältung beziehungsweise Grippe, aufweist“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Berufsverband der Frauenärzte.

In Haists Gemeinschaftspraxis in Pforzheim werden etwa 200 Schwangere betreut. Vorsorgeuntersuchungen, Ultraschall, Herztöne mit dem CTG abhören – die üblichen Termine für werdende Mütter finden auch in Zeiten von Corona statt. Ultraschall mit Oma, Opa, Onkel, Tante und so weiter dagegen nicht. Große Familienansammlungen im Behandlungszimmer seien aktuell nicht drin, sagt Haist. 

Zum Thema