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Radikalisierung Beratungsstellen wollen durch Präventionsprogramm Einstieg in die Islamismus-Szene verhindern

„Kommen nicht an jeden ran“

Wiesbaden/Frankfurt/Main.Mal kommen verzweifelte Eltern oder ratlose Freunde, die Rat suchen, weil ein junger Mann oder eine junge Frau Verhalten, Kleidung und Freundeskreis gewechselt hat. Die Angehörigen befürchten, Zeuge einer Radikalisierung zu sein. Andere Klienten des Violence Prevention Network (VPN) sind den Schritt vom Islam zum Islamismus bereits gegangen, wenn Projektkoordinator Cuma Ülger und seine Kollegen das Gespräch mit ihnen suchen.

In Workshops in Schulen oder Jugendzentren versuchen sie, „das Phänomen Dschihadismus zu entzaubern“. Im Strafvollzug wollen sie diejenigen deradikalisieren, die bereits auffällig geworden sind, womöglich sogar in die Kampfgebiete des Islamischen Staates (IS) ausgereist waren.

Arbeit mit Rückkehrern

„Manche sind desillusioniert, fühlen sich manipuliert“, sagt Ülger über seine Arbeit mit Rückkehrern in den hessischen Gefängnissen. In Gesprächen komme es dann beispielsweise zu Äußerungen wie „Wie konnte ich nur auf so jemanden reinfallen?“ Andere hingegen seien nach wie vor noch ideologisiert. „Wir kommen nicht an jeden ran“, räumt der Islamwissenschaftler und Pädagoge ein.

Derzeit arbeiten die Beratungsstellen in Hessen mit 217 radikalisierten Muslimen beziehungsweise Gefährdern. Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der AfD hervor. Unter den Menschen, mit denen die 18 Mitarbeiter der Beratungsstelle Hessen arbeiten, seien auch Rückkehrer aus Syrien, hieß es weiter. Außerdem würden mehr als 200 Angehörige beraten und unterstützt, deren Kinder oder Freunde als gefährdet gelten.

In der Regel steht die Meldung über einen Radikalisierungsverdacht am Anfang der Beratungen. Dass Radikalisierte auf der Suche nach einem Ausstieg aus der Szene von sich aus Kontakt zu der Beratungsstelle in Frankfurt oder ihren Außenstellen in Kassel und Offenbach aufnehmen, stelle „eine große Ausnahme dar“, sagte Innenminister Peter Beuth (CDU) in seiner Antwort.

Träger der Beratungsstelle ist das VPN, dessen Konzept insbesondere auf Prävention ausgerichtet ist, also bereits den Einstieg in die Szene radikaler Islamisten zu verhindern. Ein nachweislicher Ausstieg sei bei zwei Männern gelungen, die im Alter von 21 beziehungsweise 24 Jahren Kontakt zu der Beratungsstelle bekamen. Zudem hätten 33 Menschen an einem Deradikalisierungstraining teilgenommen. Aktuell kann nach Angaben des Ministeriums aber noch nicht endgültig beurteilt werden, ob dies tatsächlich zu einem dauerhaften Ausstieg geführt habe.

„Von Aussteigern wissen wir, dass jemand, der wirklich überzeugt ist von seiner Ideologie, der radikalisiert ist, sehr schwer zugänglich ist für ein Argument oder eine andere religiöse Definition der Quellen“, sagt Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums „Globaler Islam“ an der Frankfurter Goethe-Universität. „Das ist das Schwierige an der Deradikalisierung, gerade bei den Leuten, die zurückkommen (aus den Kampfgebieten).“

Noch ohne Studien

Hinzu komme: Nur diejenigen Islamisten, die verurteilt wurden, müssen sich mit einer Deradikalisierungseinrichtung in Verbindung setzen. „Bei denjenigen, die wieder frei herumlaufen, passiert gar nichts“, sagt Schröter. „Die müssen das nicht – und die Frage ist: Warum sollten sie denn?“ Zudem gebe es keine Langzeitstudien über die Menschen, die an einem Ausstiegsprogramm teilgenommen haben. „Das ist ein bisschen wie eine Black Box“, erklärt Schröder, die „trotz aller Bedenken“ Deradikalisierungseinrichtungen „für absolut sinnvoll“ hält. „Man darf vielleicht nur nicht erwarten, dass das eine Art Durchlauferhitzer ist, der die Leute von extrem gewaltbereiten Radikalen in treue Bürger des Staates verwandelt.“ „Ich kann die Angst nachvollziehen“, sagt Ülger über die Sorgen etwa von Arbeitgebern, einem Aussteiger aus der islamistischen Szene einen Ausbildungsplatz anzubieten. Doch gerade für die Rückkehr in die Welt jenseits der radikalen Szene sei eine solcher Normalisierung wichtig.