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Autoindustrie Ministerpräsident will Einfluss nehmen, aber der ist begrenzt / Große Konzerne im Südwesten mit Hiobsbotschaften

Kretschmanns großer Ehrgeiz

Stuttgart.Erst Bosch, dann Daimler und jetzt Audi: Die großen Konzerne der Auto- und Zuliefererindustrie Baden-Württembergs kündigten in den vergangenen Tagen den Abbau von Tausenden Stellen an. Gerade im Südwesten, in dem mehr als 450 000 Arbeitsplätze unmittelbar von der Automobilindustrie abhängen, sind die Folgen des Transformationsprozesses – also weg vom Verbrennungsmotor, hin zur Elektromobilität und Digitalisierung – auch mit Blick auf die Beschäftigten schon jetzt zu spüren.

Doch was kann das Land tun? Der von Audi angekündigte Stellenabbau, von dem auch das Werk in Neckarsulm (Kreis Heilbronn) betroffen ist, stimmt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nachdenklich. „Auch wenn betriebsbedingte Kündigungen zum Glück vermieden werden konnten, so erfüllt mich diese Nachricht natürlich mit großer Sorge“, sagt Kretschmann dieser Zeitung. Die Landesregierung tue alles, was in ihren Möglichkeiten stehe, „den erforderlichen Transformationsprozess in der Automobilindustrie zu unterstützen“.

Kretschmann hat vor drei Jahren den Strategiedialog Automobilindustrie ins Leben gerufen. Beteiligt sind alle großen Firmen im Südwesten wie Bosch, Daimler oder Porsche. Auch Vertreter von Verbänden, Gewerkschaften und aus der Wissenschaft nehmen teil. Der Dialog ist auf sieben Jahre angelegt. Im Staatsministerium heißt es, man wolle „unter enormen Wettbewerbs- und Zeitdruck das Auto neu erfinden“.

Schulterschluss nötig

Damit will Kretschmann, der immer wieder den begrenzten Einfluss der Landespolitik auf globale Entwicklungen betont, trotzdem am großen Rad drehen. Ein erster sichtbarer Erfolg konnte vor wenigen Tagen präsentiert werden: Das neue Ladenetz „Safe“ für E-Mobilität wurde offiziell in Betrieb genommen. Ein Konsortium unter Federführung der EnBW hat in Baden-Württemberg ein Netz aufgebaut, in dem sich in einem 20-Kilometer-Raster mindestens eine Schnellladesäule befindet. Weiter versucht Kretschmann, mit den Automobilländern Bayern (BMW und Audi) sowie Niedersachsen (VW) enger zu kooperieren.

Die drei Länder wollen ihre Interessen auch gegenüber dem Bund gemeinsam vertreten. Nur dort, so heißt es im Staatsministerium, könnten die Weichen in dem Transformationsprozess wirksam und nachhaltig gestellt werden. „Für das Gelingen der Transformation ist ein Schulterschluss auch auf europäischer Ebene erforderlich. Deshalb ist es von größter Wichtigkeit, dass sich der Bund auch gegenüber der EU positioniert und sich zum Gelingen der Transformation einbringt“, heißt es in dem Positionspapier.

Von „gewaltigen Umbrüchen“ spricht auch Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Sie fordert Anstrengungen: „Wir müssen bei der Transformation die gesamte Wertschöpfungskette einbeziehen, gerade auch unsere vielen kleinen und mittelständischen Zuliefererbetriebe. Dazu brauchen wir die richtigen Rahmenbedingungen und konkrete regionale Standortstrategien auf politischer, aber vor allem auch auf unternehmerischer Ebene.“

Die Opposition wirft Grün-Schwarz Fehler vor. Laut FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke bekommt die Autoindustrie die Folgen eines Irrwegs zu spüren. Die Regierung habe einseitig auf die batterieelektrische Mobilität gesetzt. „Baden-Württemberg könnte nun schlechterdings nicht nur Wiege, sondern auch Bahre der Automobilindustrie werden, wenn man nicht rechtzeitig einlenkt. Die politisch von Grün-Schwarz vernachlässigte Wasserstofftechnologie muss nun kraftvoll vorangetrieben werden“, fordert Rülke. SPD-Chef Andreas Stoch hält Grün-Schwarz vor, bei der Transformation in der „Zuschauerrolle“ zu verharren.

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