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Corona Baden-Württemberg hinkt bei der Einführung der Schnelltests anderen Ländern hinterher

Kritik an Luchas Teststrategie

Archivartikel

Stuttgart.Das bayerische Gesundheitsministerium hat seit Mitte Oktober bereits eine halbe Million Antigenschnelltests an die 67 Landkreise und kreisfreien Städte ausgeliefert. „Insgesamt haben wir 10,5 Millionen Tests bei verschiedenen Herstellern für Bayern gesichert“, berichtet CSU-Sozialministerin Melanie Huml stolz. Ihr baden-württembergischer Kollege Manfred Lucha (Grüne) ist noch lange nicht so weit. Erst an diesem Dienstag soll der Ministerrat eine neue Teststrategie beschließen. Fünf Millionen Schnelltests will er durch das Land bestellen, um Engpässe zu überbrücken. „Die Beschaffung ist bereits angelaufen“, sagte ein Sprecher vage auf die Frage, ob bestellt sei.

Scharf geht nun die Tübinger Notärztin Lisa Federle mit Lucha ins Gericht. „Ich habe den Eindruck, die politisch Verantwortlichen in Baden-Württemberg haben den Sommer verschlafen. Die Zeit hätten wir nützen müssen, um ein Konzept gegen die zweite Welle und für den Einsatz von Schnelltests zu entwickeln, anstatt sich in trügerischer Sicherheit angesichts niedriger Infektionszahlen zu wiegen“, kritisiert die Ärztin. Das Sozialministerium habe mit der Beschaffung erst angefangen, nachdem sie letzten Mittwoch öffentliche Kritik angedroht habe.

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Die seit 15. Oktober vom Robert Koch-Institut zugelassenen Antigenschnelltests sollen vor allem in Pflege- und Altenheimen sowie Krankenhäusern eingesetzt werden. Da sie das Ergebnis bereits nach 15 Minuten anzeigen, bieten sie die Chance, mehr zu testen und Infektionen schneller zu erkennen.

Heime sollen selbst bestellen

„Ich bin echt schockiert, dass bisher das Land gerade mal 5000 Schnelltests hat“, schimpft Federle. In Tübingen habe man auf eigene Faust bestellt und fast 10 000 Schnelltests bereits an die Altenheime verteilt. Sie habe die feste Zusage, dass weitere 200 000 Tests an diesem Dienstag geliefert werden. „Ich kann echt nicht verstehen, dass das Land nicht für fünf Millionen Euro bei Herstellern Schnelltests bestellt hat“, sagt die unlängst für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte Medizinerin. Man brauche die Tests, um Heime offen zu halten.

Hersteller wie der Schweizer Pharmakonzern Roche warnen schon vor Lieferengpässen. „Der Markt ist völlig ausverkauft“, sagte Vorstandschef Severin Schwan schon vor ein paar Tagen dem „Handelsblatt“. Die Nachfrage übersteige die aktuellen Produktionsmöglichkeiten um ein Vielfaches.

In Baden-Württemberg sollen auch Lehrer und Erzieher von den Schnelltests profitieren. Bis zum Ende der Weihnachtsferien am 10. Januar 2021 hat nach Informationen dieser Zeitung jeder Mitarbeiter an Schulen und in Kitas in Baden-Württemberg Anspruch auf zwei kostenlose Antigen-Schnelltests, auch wenn keine Krankheitssymptome vorliegen. Informationen aus Regierungskreisen bestätigte ein Sprecher des Stuttgarter Kultusministeriums gegenüber unserer Zeitung.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat durchgesetzt, dass die Kosten für 20 Tests pro Bewohner und Monat in Heimen und je Krankenhauspatient übernommen werden. Allein der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann rechnet für sein Land mit einem Bedarf von monatlich 3,4 Millionen Einheiten.

„Immer wieder Widerstand“

Federle vermisst bei Lucha nicht zum ersten Mal Tatkraft im Krisenmanagement: „Bei wichtigen Vorhaben wie der Durchtestung von Alten- und Pflegeheimen im März stoßen wir immer wieder auf Widerstand des Sozialministers.“ Schon damals sei Tübingen in Vorleistung gegangen, wie jetzt bei den Schnelltests wieder. Ihr Fazit: „Im Sozialministerium vermisse ich Strategie und Führungsstärke.“ Die Interviewaussage von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), dass die zweite Welle unerwartet kam und man deswegen unvorbereitet sei, kritisiert die Medizinerin scharf. „Das kann doch nicht wahr sein“, meint sie. Fast alle Pandemien der hätten eine zweite Welle gehabt.

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