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Gastronomie Betriebe sind nach wie vor dicht – während die Kosten weiterlaufen

Kult-Clubs kämpfen ums Überleben

Gießen/Ranstadt.Sie sind Kult, haben ein treues Stammpublikum und schon manche Anfeindungen durch lärmgeplagte Nachbarn überstanden. Doch die Corona-Krise bringt viele traditionsreiche Clubs und Diskotheken in Hessen massiv ins Wanken. Seit Monaten bleiben die Türen von Läden wie dem Gießener „Scarabée“ oder dem „Black Inn“ in Ranstadt geschlossen. Treffen, tanzen, feiern – alles verboten in diesen Zeiten. Covid-19 ist nicht nur eine ernste Krankheit, sondern auch eine Spaßbremse.

Für viele Betreiber und Mitarbeiter der Lokale bringt das handfeste wirtschaftliche Probleme mit sich. Isabel Bojunga, die Chefin des „Scarabée“ in Gießen, kämpft seit der Schließung am 14. März mit Pachtkosten von 3000 Euro monatlich. Der seit 1962 bestehende Musik-Keller, den schon ganze Generationen von Studenten als ihr zweites Wohnzimmer ansahen, ist ihre einzige Einnahmequelle. Dank Soforthilfen konnte Bojunga drei Monate lang die Fixkosten abdecken – doch wann sie das „Scara“ wieder öffnen darf, steht in den Sternen. „Es ist wirklich ganz schlimm, aber es geht ja allen so“, sagt die Wirtin.

Schließlich entschloss sie sich, eine Spendenaktion zu starten, über die mittlerweile mehr als 17 000 Euro zusammengekommen sind – und reichlich moralische Unterstützung der treuen Fans: „Meine Mutter ist ins Scara gegangen, ich auch und meine Kinder sollen es auch noch tun können“ schreibt jemand, der über eine Plattform 25 Euro gespendet hat. „Auch diesen Monat nochmal eine Kleinigkeit. Immer weiter, bis wir uns wiedersehn!“, lautet eine andere Durchhalteparole – verbunden mit einer Spende von 30 Euro. Eine Frau habe sogar im Namen ihres über 90-jährigen Onkels gespendet, der früher selbst gerne in den Studentenkeller ging.

Gäste machen sich Hoffnung

Noch Glück im Unglück hat in dieser Lage, wer keine Pacht zahlen muss und nicht alleine auf Getränkeumsätze oder Eintrittsgelder angewiesen ist. Das „Black Inn“ in Ranstadt beispielsweise, seit 54 Jahren eine Rock- und Metal-Institution in der Wetterau mit vielen bereits ergrauten Gästen ist für Betreiber Martin Raudies nur ein Standbein von mehreren – und er ist zudem Besitzer des Gebäudes. Trotzdem sind die laufenden Kosten durchaus nennenswert, sagt Nadine Heßler. Als „gute Seele“ sorgt sie normalerweise an den Wochenend-Abenden dafür, dass in der rustikal eingerichteten Musikkneipe alles reibungslos läuft – aber seit Mitte März geht auch im „Inn“ nichts mehr, und Heßler als einzige Festangestellte des Ladens ist in Kurzarbeit.

Wann sie endlich wieder Gäste begrüßen kann, ist derzeit völlig offen. Dabei würden viele von ihnen lieber heute als morgen wieder kommen, wie ein Blick auf die Facebook-Seite zeigt. Ein reiner Kneipenbetrieb, wie ihn einige andere Clubs zur Überbrückung anbieten, komme aber für das „Black Inn“ wegen der baulichen Gegebenheiten mit engen Gängen und schmalen Treppen wohl nicht in Frage, sagt Heßler. Außerdem kämen viele der Stammgäste in den Laden, um dort alte Bekannte zu treffen, an der Theke zu quatschen oder zu tanzen. An Abstand sei dabei nicht zu denken.

Für die traditionsreiche Musikkneipe „Lorbass“ in Gelnhausen sah es zwischenzeitlich sogar nach einer Schließung für immer aus – was für Entsetzen bei den Stammgästen sorgte und auch die Kommunalpolitik auf den Plan rief. Einstimmig hätten daraufhin die Gelnhäuser Stadtverordneten einer Umwandlung des seit 40 Jahren bestehenden Szenelokals in Büroflächen eine Absage erteilt, sagt Alexander Schopbach, Sprecher der Initiative #SaveLorbass, die sich für den Fortbestand des Clubs einsetzt.

Ein Aus für die Musikkneipe mit kleiner Livebühne, so die einhellige Auffassung laut Schopbach, wäre ein Verlust für die Kulturszene gewesen. Nun stünden zwei potenzielle neue Pächter bereit, die mit dem Immobilienbesitzer über eine Fortführung des Betriebes sprechen wollten. lhe