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Naturschutz In Hünfelden werden Rehe, Schwäne und Hasen gepflegt / Eine Aufgabe, die immer weniger Menschen übernehmen wollen

Leben auf der Wildtierstation

Archivartikel

Hünfelden.Es ist ein idyllisches Bild. Ilka Pissin sitzt mit ihrem Besucher im Garten im Dorf Dauborn, um sie herum toben Rehkitze. Sie knabbern an Rosenblättern, schnuppern interessiert an einer Hose auf der Wäscheleine und beäugen den fremden Besucher. Doch es ist nur ein kurzer Moment der Ruhe, den die Tierschützerin sich gerade gönnt. Dann geht es weiter mit ihrem Tagesprogramm, das hauptsächlich daraus besteht, Tiere zu füttern und deren Hinterlassenschaften zu beseitigen. „Um ein Uhr nachts füttern wir das letzte Mal, um sechs Uhr morgens das erste Mal“, erzählt ihr Mann David Schmidt. Das Paar betreibt gemeinsam die Wildtierstation im mittelhessischen Hünfelden.

Jedes Jahr nehmen sie Wildtiere auf, die gefunden und zu ihnen gebracht wurden. Nicht immer ging es dabei so dramatisch zu wie bei drei der Rehkitze. Die Drillinge waren noch gar nicht geboren, als ihre Mutter im Mai bei Speyer unter die Räder kam. Sie starb im Straßengraben, ihre Jungen kamen dort bei einer Sturzgeburt zur Welt. Die Polizei brachte die Kleinen in die Auffangstation nach Hünfelden, dort wurden sie mit enormen Aufwand am Leben erhalten und dann aufgepäppelt. Wie alle anderen Tiere, die in der großen Hofreite leben, sollen sie eines Tages ausgewildert werden.

„Nächstes Jahr im Frühling wird es so weit sein, dann werden sie draußen gut über die Runden kommen“, erklärt Pissin, die fünf weitere Kitze aufgenommen hat.

Kitze, Füchse und ein rosa Winzling

Die possierlichen Vierbeiner leben in einem ehemaligen Pferdestall, wenige Meter entfernt in einer Scheune riecht der Besucher schon beim Betreten die Bewohner: Füchse. Draußen im Hof steht ein Schwan, der alte Hofhund liegt in der Nähe und hält ein Nickerchen.

In einem weiteren Gebäude flattern junge Falken in ihrem Zimmer, nebenan füttern die beiden Tierschützer gerade die Eichhörnchen und Vögel. Dann werfen die beiden noch einen Blick auf ein winziges rosafarbenes Tierchen im Inkubator. Sie habe keine Ahnung, was das sei, so Pissin. „Vielleicht ein Siebenschläfer, vielleicht eine Ratte.“ Kinder hatten den Winzling auf einem Feldweg gefunden, er hatte noch die Nabelschnur am Bauch hängen.

In ganz Hessen gibt es solche Auffangstationen für Wildtiere. „Die Zahl ist insgesamt etwas rückläufig“, erklärt Berthold Langenhorst vom Naturschutzbund NABU in Wetzlar. Für alteingesessene Stationen fänden sich nicht immer Nachfolger, wenn die Tierschützer aus Altersgründen nicht mehr weitermachen könnten. Wie in Hünfelden hängt die Arbeit meist nur an wenigen Menschen. „Manchen scheint gar nicht klar zu sein, dass wir das ehrenamtlich in unserer Freizeit machen“, erzählt Pissin. „Da rufen Leute an und wollen, dass wir sofort kommen, um einen verletzten Vogel zu holen. Sie selbst könnten ihn aus Zeitgründen nicht bringen.“

250 bis 300 Zöglinge pro Jahr

Angefangen hat alles vor über zehn Jahren, als Pissin ein Eichhörnchenbaby aufpäppelte. Heute sind es jährlich zwischen 250 und 300 Tiere. Mehr gehe auch nicht, sagt die Mutter eines elfjährigen Sohnes. Die Arbeit schaffen die Physiotherapeutin und der Accountmanager nur, weil sie viel von zu Hause aus arbeiten. Zwischen 10 000 und 12 000 Euro kostet es jährlich, die vielen Tiere zu versorgen. Finanziert wird der Betrag über den eigens gegründeten Verein und Spenden. Von staatlicher Seite erhalten die Tierschützer keine Unterstützung.