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Bildung Hessens Kultusminister spricht sich gegen eine Verpflichtung zur Einrichtung von Ganztagsschulen aus / Angebot wird erweitert

Lorz setzt auf Freiwilligkeit

Archivartikel

Wiesbaden.„Wir setzen beim Ganztagsausbau auf Qualität statt politisch motivierte Quantität“, heißt es schon im Untertitel der Pressemitteilung von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) zu den Plänen für das neue Schuljahr 2019/20. Das klingt so, als hätte er die Reaktion der Opposition schon geahnt. „Ganztagsausbau erfolgt weiter auf Sparflamme“, kommentiert die SPD. Die FDP schreibt, Lorz produziere eine „Nebelwolke“, und die Linke hält ihm vor, die eigenen Ziele beim Ausbau des Ganztagsangebots zu verfehlen.

Tatsächlich nehmen sich die am Mittwoch vom Kultusminister verkündeten Zahlen eher bescheiden aus. Lorz nennt es eine „bemerkenswerte Zahl“, dass 250 hessische Schulen ihr Ganztagsangebot erweitern oder neu hinzukommen, wenn nach den Sommerferien das neue Schuljahr beginnt. Doch nur drei davon werden neue „gebundene“ Ganztagsschulen mit einem verpflichtenden Schulangebot für alle an fünf Tagen in der Woche bis 16 oder 17 Uhr. Weitere 16 kommen neu ins „Profil 1“, ein Betreuungsangebot der Schüler an drei Tagen in der Woche über den Mittag bis 14.30 Uhr. Und 17 wechseln von dieser Mittagsbetreuung ins „Profil 2“ mit Zusatzangeboten bis zum Nachmittag montags bis freitags auf freiwilliger Grundlage.

Hinzu kommen 45 Schulen, die neu am „Pakt für den Nachmittag“ teilnehmen. Das ist ein Betreuungsangebot aufgrund vertraglicher Vereinbarungen zwischen dem Land und der jeweiligen Kommune, für das die Eltern teilweise einen finanziellen Beitrag entrichten müssen. Beim Gros von 168 Schulen ändert sich nichts am Profil des Ganztagsangebots, das dort aber immerhin künftig von mehr Schülern als bisher in Anspruch genommen werden kann.

Geld auch für externe Kräfte

Insgesamt sind es dann nach Angaben von Lorz 1197 der 1670 hessischen Schulen, die irgendeine Form der Mittags- oder Nachmittagsbetreuung anbieten. Die beschränkt sich bei gut der Hälfte davon, nämlich 611 Schulen, allerdings auf ein freiwilliges Angebot nur drei Mal in der Woche bis 14.30 Uhr. Der SPD-Schulpolitiker Christoph Degen kritisiert: „Von über 600 000 Schülern an allgemeinbildenden Schulen wird wieder nur ein Bruchteil an fünf Tagen die Woche ein verlässliches Ganztagsangebot erhalten.“ Die Zahl echter Ganztagsschulen sei weiterhin viel zu gering.

Doch Lorz lehnt jeden Zwang zum Besuch einer Ganztagsschule ab und setzt weiter auf Freiwilligkeit. Das entspreche auch dem Willen vieler Eltern, die zwar immer mehr an Ganztagsangeboten für ihre Kinder interessiert seien, dies aber oft bewusst nicht als Verpflichtung wollten. Und was den von ihm propagierten Ausbau der Qualität angeht, verweist der Minister auf die deutlich erhöhte Zahl an Lehrerzuweisungen für die Ganztagsbetreuung. 350 Stellen kämen jedes Jahr dafür hinzu, betont er. Wobei nicht in jedem Fall wirklich mehr Lehrer eingestellt werden, eine Reihe von Schulen verwendet das Geld auch für externe Kräfte wie Übungsleiter von Sportvereinen mit Nachmittagsangeboten in den Schulen.

Und Lorz betont, dass kein Antrag auf Umwandlung in eine gebundene Ganztagsschule mit verpflichtendem Nachmittagsangebot für alle abgelehnt werde. Und was die Quote der betreuten Schüler mittags oder nachmittags angehe, liege Hessen immerhin an fünfter Stelle der Bundesländer. Schließlich beginne in sieben Schulen auch beim Pakt für den Nachmittag, den Lorz „Pakt für den Ganztag“ nennen will, eine Neuerung. Die sieht vor, dass die Lehrkraft ihre Schüler bis 14.30 Uhr selbst begleitet.

Dem FDP-Bildungsexperten Moritz Promny ist das viel zu wenig. „Somit laufen wir in Hessen Gefahr, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit der Einschulung endet.“ Elisabeth Kula von der Linken urteilt: „Die geplanten Maßnahmen greifen viel zu kurz.“