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Soziales Ein Freiwilligendienst hilft jungen Menschen, Erfahrungen zu sammeln und Orientierung zu finden / Trend erstmals rückläufig

„Mal was anderes machen“

Lorsch.Die zierliche blonde Frau führt David über den Hof. David mit seinem mächtigen Kopf und seiner tiefen Stimme folgt ihr gehorsam auf Schritt und Tritt. Er ist ein Bulle und rund 800 Kilogramm schwer – Rasse: Rätisches Grauvieh. Die zierliche blonde Frau ist Dorit Himmelein. Die 19-Jährige absolviert im Freilichtlabor Lauresham in Lorsch ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ). Sie ist eine von Tausenden, die in Hessen jedes Jahr in Freiwilligendiensten für ein Taschengeld arbeiten. Nach der Schule nicht gleich in eine Ausbildung oder ins Studium gehen, sondern erst einmal andere Erfahrungen sammeln. „Ich wollte halt wirklich mal was anderes machen“, sagt Himmelein.

Ende Dezember 2018 gab es in Hessen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 7317 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Freiwilligendiensten, also bei den Freiwilligen Sozialen und Ökologischen Jahren oder dem Bundesfreiwilligendienst. Ein Jahr zuvor waren es noch gut 280 mehr. Genau lassen sich die Durchschnittszahlen aber nicht ermitteln, da man sich auch kürzer oder länger als ein Jahr verpflichten kann und die Jahrgänge teils überlappen.

Weniger Bewerber als im Vorjahr

Der letzte Jahrgang sei aber der erste gewesen, bei dem es einen Rückgang gegeben habe, sagt der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Freiwilligendienste in Hessen, Klaus Schoenicke. Auch im Augenblick gebe es noch nicht besetzte Stellen. „Aber die Jugendlichen entscheiden sich sehr kurzfristig.“ Mit Blick auf die zu Ende gegangenen Ferien und den Start ins Ausbildungsjahr oder ins Studium rechne er noch mit vielen Bewerbungen von Unentschlossenen in den kommenden Wochen.

Schule, Kita, Feuerwehr, Kultureinrichtungen, Gartenbau, Landwirtschaft, Alten-, Kranken- oder Behindertenhilfe, die Möglichkeiten, einen Freiwilligendienst zu leisten, sind vielfältig. Während es in einigen Bereichen schwerfällt, die freien Stellen zu besetzen, gibt es anderswo weit mehr Bewerbungen als Angebote. „Bei uns gibt es mehr Bewerber als Plätze“, sagt Jonas Metzler, der für die Freiwilligendienste in Kultur und Bildung zuständig ist. Aber es sei insgesamt schwieriger geworden, Stellen zu besetzen.

Und die zahlreichen Träger fürchten weitere Einschränkungen, da die Bundesregierung ihre Zuschüsse für die Förderung der Fortbildungsmaßnahmen zurückschrauben will. Sind im Haushalt 2019 noch 320 Millionen Euro Fördermittel für die Freiwilligendienste eingestellt, sieht der Haushaltsentwurf der Bundesregierung nach Angaben des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bildungsministerium, Michael Meister, für das kommende Jahr 50 Millionen Euro weniger vor.

Zuschüsse von Bund und Land

Die Zuschüsse von Bund und Land dienen bei den Trägern in den Bundesländern vor allem der Durchführung der gesetzlich festgesetzten Fortbildungsseminare. Das Land Hessen fördert das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) nach Angaben des Sozialministeriums seit 2009 kontinuierlich mit rund zwei Millionen Euro im Jahr, hat jedoch die zusätzlichen Fördermittel für die unter 18-Jährigen in den vergangenen Jahren nach oben geschraubt. Dabei können die Einrichtungen, in denen junge Leute in einem Freiwilligen Sozialen oder Ökologischen Jahr arbeiten, die Mitarbeiter gut brauchen. „Wir können Leistungen anbieten, die wir ohne FSJ nicht anbieten könnten“, sagt Schoenicke, der auch Referent für die Freiwilligendienste bei der Arbeiterwohlfahrt ist.

Und auch der Leiter des Freilichtlabors Lauresham, Claus Kropp, kann auf seine Mitarbeiter nicht verzichten. „Das sind vollwertige Kollegen. Und wir brauchen sie hier.“ Sie müssten Verantwortung übernehmen, und das werde von ihnen auch eingefordert.

Für die Träger dient das FSJ auch dazu, Fachkräfte anzuwerben. „Wir gewinnen viele Leute, die dann auch bleiben und eine Ausbildung machen“, sagt Schoenicke. Aber es würden nicht nur Nachwuchskräfte, sondern auch spätere ehrenamtliche Helfer gewonnen.