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Universitätskliniken Kabinett gibt grünes Licht für 150 Studienanfänger / Landarztquote startet erst nächstes Jahr

Mehr Mediziner für das Land

Archivartikel

Stuttgart.Mit 150 zusätzlichen Studienplätzen und einer Reform der Ausbildung will die grün-schwarze Regierung gegen den wachsenden Mangel an Hausärzten im ländlichen Raum angehen. Das vom Kabinett am Dienstag beschlossene Eckpunktepapier ebnet auch der lange umstrittenen Landarztquote den Weg. Als „guten Mix, um zu begeistern und zu motivieren“ bezeichnete Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) das Konzept. Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) sprach von einem „Meilenstein zur Verbesserung der medizinischen Versorgung“.

Die 150 neuen Anfängerplätze werden zu gleichen Teilen auf die fünf Universitätskliniken Mannheim, Heidelberg, Freiburg, Tübingen und Ulm verteilt. Die erste Hälfte werde im Herbst eingerichtet, kündigte Bauer an. Ein Jahr später sollen die übrigen Plätze erstmals besetzt werden. Die Grünen-Politikerin bezifferte die jährlichen Kosten auf 30 Millionen Euro. Die Zahl der Anfängerplätze wird damit um knapp zehn Prozent auf 1700 steigen.

Studium ohne Einser-Abi

75 der neuen Plätze sollen an Bewerber gehen, die sich verpflichten, nach der Ausbildung für zehn Jahre eine Praxis in einer unterversorgten Region Baden-Württembergs zu übernehmen. Für sie soll der in Humanmedizin strenge Numerus clausus nicht gelten. Die Auswahlkriterien müssen nach Bauers Worten im jetzt beginnenden Gesetzesverfahren erst noch definiert werden.

Diese sogenannte Landarztquote hatte die CDU durchgesetzt. Entsprechend zufrieden zeigte sich Landtagsfraktionschef Wolfgang Reinhart: „Wir freuen uns, dass die Landesregierung heute nach langen Verhandlungen endlich die Landarztquote beschlossen hat.“ Damit werde ein zusätzlicher Zugang zum Arztberuf geschaffen.

Dagegen kritisierte der SPD-Landtagsabgeordnete Rainer Hinderer das Konzept als „völlig ungeeignetes Mittel zur Bekämpfung des Hausärztemangels im ländlichen Raum“. Das Land brauche jetzt mehr Allgemeinmediziner. Die Abiturienten könnten bei der Verpflichtung gar nicht abschätzen, wie ihre Lebenssituation nach sechs Jahren Studium und acht Jahren Facharztausbildung sei. Wohlhabende Eltern bekämen die Chance, ihren Kindern einen der begehrten Studienplätze zu verschaffen und sie dann vom Praxisvertrag freizukaufen. Die Höhe der Strafzahlung steht laut Bauer noch nicht fest.

Neues Neigungsprofil

Der FDP–Abgeordnete Jochen Haußmann warnte, dass der Streit um die Landarztquote den Hausarztjob in ein schlechtes Licht rückt. Entscheidend sei eine qualitativ hochwertige Ausbildung.

Sogar Bauer zweifelt, dass die Landarztquote gegen den Ärztemangel auf dem Land hilft: „Ich bin nach wie vor skeptisch, dass dieses Instrument am Ende greift.“ Statt auf die Absolventen aus dem neuen Zugang zu warten, setzt die Grünen-Ministerin auf ein Bündel von Maßnahmen zur schnellen Verbesserung der Situation. „Es muss gelingen, die Medizinstudierenden frühzeitig für den Landarztberuf zu begeistern und sie für dieses Tätigkeitsfeld umfassend zu qualifizieren“, sagte sie. Das gesamte Studium müsse stärker auf Allgemeinmedizin ausgerichtet werden und mehr praktische Kompetenzen vermitteln.

„Die allgemeinmedizinische Versorgung auf dem Land bietet viele spannende Perspektiven für angehende Ärzte“, betonte die Ministerin. Alle fünf medizinischen Fakultäten würden als neues Neigungsprofil „Ländliche Hausarztmedizin“ anbieten, um bereits frühzeitig optimal auf eine Tätigkeit auf dem Land vorzubereiten. In den Kursen werden die angehenden Mediziner auch mit erfahrenen Hausärzten, mit Bürgermeistern und regionalen Versorgungszentren zusammengebracht.

Neben der Reform des Studiums hält Gesundheitsminister Lucha auch strukturelle Veränderungen vor Ort für unverzichtbar. Gemeinschaftspraxen oder Versorgungszentren seien dabei wichtig. „Dann sind die jungen Ärzte nicht mehr auf sich alleine gestellt“, erläuterte er. Auf diese Weise ließen sich private und berufliche Interessen besser vereinbaren.

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