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Verkehrssicherheit Grüne fordern Tempo 80 als Regel auf Landstraßen / Starker Anstieg der Opfer durch Ablenkung

Mehr Unfälle, weniger Tote

Archivartikel

Stuttgart.In Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Verkehrstoten von 2010 bis 2018 um elf Prozent auf 440 reduziert. In einer umfangreichen Auswertung weist Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) darauf hin, dass gleichzeitig die Zahl der Unfälle seit 2013 um zehn Prozent auf 324 000 gestiegen ist. „Hauptursache bei den tödlichen Verkehrsunfällen ist nach wie vor überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit“, schreibt der Minister. Die Verkehrsexpertin der Grünen-Landtagsfraktion, Jutta Niemann, fordert eine Senkung der Regelgeschwindigkeit auf Landstraßen von 100 auf 80 Stundenkilometer: „Auf Landstraßen besteht der akuteste Handlungsbedarf.“

Niemann verweist auf die Empfehlungen des Deutschen Verkehrssicherheitsrates und des Verkehrsgerichtstags, die für Tempo 80 als Regelgeschwindigkeit auf schmalen Landstraßen mit höchstens sechs Meter Breite plädieren. Auf entsprechend ausgebauten Straßen könne es bei Tempo 100 bleiben. Wie Hermann zieht Niemann zur Begründung Studien heran: „Die Analysen zeigen deutlich, dass das Reduzieren von Geschwindigkeiten auch die Anzahl an Getöteten und Schwerverletzten reduziert.“ Pro Stundenkilometer sinke die Zahl der Unfälle um zwei Prozent, nennt Hermann als Faustformel.

Beide Expertengremien für Verkehrssicherung votieren auch für eine Senkung der Regelgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften von 50 auf 30 Stundenkilometer. Damit könne die Zahl der Unfälle und der Schwere „deutlich reduziert werden“. Niemann übernimmt diese Position. Die Analyse von Fußgängerunfällen zeige, dass bei 50 Stundenkilometern von zehn angefahrenen Fußgängern drei überleben würden, bei Tempo 30 dagegen neun.

Radfahrer mit großem Risiko

68 Radfahrer starben im vergangenen Jahr im Straßenverkehr. Immerhin jeder siebte Verkehrstote war damit ein Radfahrer. Das ist ein Anstieg um 36 Prozent gegenüber den 50 Opfern im Jahr 2013. „Die Zahl der Unfälle und der Verunglückten stieg parallel zur Zunahme des Radverkehrs an“, erklärt Hermann. Die Zahl sei innerhalb und außerhalb von Ortschaften etwa gleich hoch. Niemann fordert mehr sichere Radwege. Allerdings waren drei Viertel der getöteten Radfahrer selbst Verursacher des Unfalls.

Stark gestiegen ist in den letzten Jahren der Anteil der schweren Unfälle, die auf Ablenkung des Fahrers durch Smartphone oder andere digitale Geräte zurückgingen. 2015 war das bei 11,3 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle die Ursache, im letzten Jahr bereits bei 19,4 Prozent, also bei jedem fünften. Innenminister Thomas Strobl (CDU) dringt auf eine Änderung in der Unfallstatistik, um diese Vergehen genauer zu erfassen und präzisere Schlüsse über Unfallursachen ziehen zu können. Niemann fordert zudem ein automatisches System im Auto, das Fahrer bei Müdigkeit und Smartphone-Nutzung akustisch warnt.

Gestiegen ist die Zahl der getöteten Motorradfahrer seit 2013 um fast 20 Prozent auf 101. Das ist fast jeder vierte Verkehrstote im letzten Jahr, gemessen an der Fahrleistung ein unverhältnismäßig hoher Blutzoll.

Höhere Bußgelder

Als erwiesen sieht Hermann, dass viele Kontrollen mit spürbaren Sanktionen zu Verhaltensänderungen der Verkehrsteilnehmer führen. Um Menschenleben zu retten, strebe die Polizei einen „flächendeckenden Kontrolldruck“ an. Im vergangenen Jahr stellte die Polizei 1,2 Millionen Geschwindigkeitsverstöße fest, eine Zunahme um 30 Prozent gegenüber 2013. Aus seiner Aufstellung geht hervor, dass die Zahl der ertappten Alkoholsünder seit 2013 zwar leicht um 2,6 Prozent auf 16 740 zurückging. Zugleich ist aber der Missbrauch von Drogen und Medikamenten massiv gestiegen, nämlich um 58 Prozent auf 8000 Fälle.

Niemann fordert höhere Bußgelder besonders für alle Delikte, die andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringen: „Egal, ob es um überhöhte Geschwindigkeiten oder das Parken auf Gehwegen geht – es muss härter durchgegriffen werden.“

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