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Prozess Bernhard H. muss sich wegen schweren sexuellen Missbrauchs verantworten / Fall Maria sorgte bundesweit für Aufsehen

„Meine Arme werden immer offen sein“

Freiburg.Die einstigen Klassenkameraden von Maria H. sitzen an diesem Mittwochvormittag in Freiburg über ihrer Englisch-Abiturprüfung. Maria H. sitzt im Saal IV des Freiburger Landgerichts. Die 18-jährige sieht jünger aus, ist ungeschminkt, kein Modeltyp, ein nettes Durchschnittsmädchen von nebenan. Ihr gegenüber sitzt auf der Anklagebank Bernhard H., 58 Jahre alt. Ihm wird ab heute der Prozess gemacht.

Die Anklage lautet auf Entziehung Minderjähriger, schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen in einer Vielzahl von Fällen. Bernhard H. aus Nordrhein-Westfalen ist der Mann, den Maria im Herbst 2012 im Alter von zwölf Jahren in einem Internet-Chat kennenlernte und mit dem sie am 4. Mai 2013 aus Freiburg und kurz darauf aus Deutschland verschwand. Der Fall hielt Deutschland damals wochen- und monatelang in Atem.

Schnell gab es den Verdacht, dass Maria freiwillig mit dem Mann unterwegs sein könnte. Zwar gab es immer wieder angebliche Spuren der beiden, doch ein Lebenszeichen gab es nie. Bis zum August 2018, als sich Maria kurz nach ihrem 18. Geburtstag aus Italien meldet. Sie will nach Hause. Kurz danach wird Bernhard H. Anfang September 2018 in Sizilien festgenommen und ausgeliefert. Maria und er haben sich seitdem nicht mehr gesehen. Gleich zu Beginn beantragt der Pflichtverteidiger den teilweisen Ausschluss der Öffentlichkeit. „Die öffentliche Erörterung von Details aus dem Sexualleben des Angeklagten würde seine schutzwürdigen Interessen verletzen“, gibt der Richter recht. Die Anklageschrift bleibt öffentlich.

Bernhard H. ist nicht einschlägig vorbestraft, seine damalige Frau erwischt ihn zwar beim Chat und zeigt ihn an, was aber keine Folgen hat. Weil die Frau auch Marias Mutter kontaktiert und die ihrer Tochter das Handy entzieht, wächst der häusliche Stress für das Mädchen noch. Bernhard H. und Maria haben aber weiter Kontakt. Spätestens im Frühjahr 2013 soll es auch zu Treffen und echten sexuellen Kontakten gekommen sein.

Maria fürchtet, schwanger geworden zu sein. Die Furcht vor der Reaktion der Mutter war wohl auch ein Auslöser für die Flucht mit Bernhard H.. Diese führt zunächst nach Polen, später durch halb Südosteuropa bis nach Sizilien. Nach Marias 15. Geburtstag soll es jedoch keine sexuellen Kontakte mehr gegeben haben.

Bernhard H. will sich erstmals äußern. Er hat Beziehungen, engagiert sich politisch bei den Republikanern in Nordrhein-Westfalen. Eine Ehe, aus der eine Tochter hervorgeht, scheitert.

Das Internet habe ihm die Möglichkeit eröffnet, sich zurückzuziehen. An dieser Stelle bricht der Richter ab. Wie Bernhard H. sich seine Zukunft vorstelle, unabhängig vom Ausgang des Verfahrens, will er noch wissen. Nach Italien wolle er, so Bernhard H., „in Deutschland kann ich wohl nicht mehr leben. Und ich weiß ja auch nicht, wie es weitergeht mit Maria und mir.“ Der 58-Jährige schaut hinüber zu der 18-Jährigen. „Meine Arme werden immer offen sein für sie. Immer.“ Marias Miene bleibt unbewegt.