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Frankfurt Straßenbahnfahrer Peter Wirth ist ein ungewöhnlicher Vertreter seines Berufsstandes / Ambitionen bei Oberbürgermeisterwahl

Mit Bizeps und Gedichten in die Politik

Archivartikel

Frankfurt.Wo er auch hinkommt – Peter Wirth löst meist begeisterte Reaktionen aus. Der Straßenbahnfahrer ist mit seinem durchtrainierten Körper und der Sonnenbrille ein echter Hingucker. Vor allem bei jungen Leuten kommt der 57-Jährige gut an, aber auch erwachsene Fans hat der „Bahnbabo“ unter den Kunden der Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF). Zu Tausenden folgen sie ihm in sozialen Netzwerken. Wegen zahlreicher Bitten um gemeinsame Fotos falle manche Pause an der Endhaltestelle eher knapp aus, berichtet Wirth.

Den Trubel bezeichnet er als positiven Stress, den er gerne in Kauf nehme. Denn es gehe ihm nicht um Aufmerksamkeit: Er wolle Brücken bauen zwischen den Menschen, sagt er. Kinder und Jugendliche liegen ihm besonders am Herzen: „Wir brauchen diese Jugend, wir können keinen Einzelnen auf der Strecke lassen. Wir müssen die Hand reichen, wo es nötig ist.“ Erst kürzlich spendete er seinen Gewinn aus einem Quiz einem krebskranken Jungen. Vor der Europawahl rief er zur Stimmabgabe auf, mit der Polizei tauscht er sich über Gewaltprävention aus.

Über seine Muskeln komme er mit Männern schnell ins Gespräch. Sie wollten wissen, wie er trainiere und sich ernähre. Der 57-Jährige kann mühelos in den Spagat sinken.

Gestresste Berufspendler

Jugendliche waren es auch, die ihm vor knapp zehn Jahren den Titel „Bahnbabo“ verliehen. „Babo“ steht jugendsprachlich für „Boss“. „Du bist voll massiv“, hätten sie beeindruckt hinzugefügt, erinnert sich Wirth. Ihren Slang beherrscht der 57-Jährige, nennt sie „Brudi“. Jugendliche aufzufordern, die Füße von den Sitzen zu nehmen, falle ihm so leicht.

Gestresste Erwachsene heitert er mit selbstausgedachten Gedichten auf, die er über das Mikro zum Besten gibt. „Ich zaubere meinen Fahrgästen gerne ein Lächeln aufs Gesicht.“ Im Rückspiegel sehe er, wie die Berufspendler schon am frühen Morgen auf ihre Smartphones starren. „Dann sag ich ihnen, schaut mal nach rechts aus dem Fenster, da blüht ein Magnolienbaum.“

In Frankfurt könne er keine paar Meter gehen, ohne dass er angesprochen werde. „Meistens von Kindern, und die Eltern sagen dann ganz erstaunt, ’Wer sind Sie denn?’.“ Reaktionen bekomme er deutschlandweit, auch aus den USA und Großbritannien kam schon Fanpost. Selbst am Strand werde er erkannt.

Seine Bekanntheit will Wirth nun für aus seiner Sicht dringend nötige Verbesserungen in der Stadt einsetzen und bei der nächsten Oberbürgermeisterwahl 2024 antreten. Seit mehr als 30 Jahren durchquert er Frankfurt auf Schienen, hat dabei zahlreiche Punkte gesammelt, die die Politik anders regeln müsse: Der Individualverkehr müsse zurückgedrängt werden. „Die Autos stehen im Stau auf den Gleisen, und ich muss zehn Minuten warten, das werde ich beenden.“ Der öffentliche Nahverkehr müsse Vorrang haben. Sein Motto steht schon fest: „Mit dem Bahnbabo bleibt Frankfurt stabil.“