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Bildung Lehrer, Eltern und Schüler mahnen beim Digitalpakt auch Fortbildung der Pädagogen und Datenschutz an

Mit ein paar PCs ist es nicht getan

Archivartikel

Wiesbaden.Zwei Jahre haben Bund und Länder über den Digitalpakt gestritten, bis am Ende feststand: Hessen bekommt daraus bis 2024 fünf Jahre lang jeweils 74 Millionen Euro für die digitale Ausstattung seiner Schulen. Nächsten Montag wollen Ministerpräsident Volker Bouffier, Kultusminister Alexander Lorz (beide CDU) und weitere Kabinettsmitglieder ein Konzept präsentieren, was mit dem Geld geschehen soll. Lehrer, Schüler und Eltern wollten so lange nicht warten: Sie stellten am Dienstag ein gemeinsames Positionspapier zum Digitalpakt vor. Quintessenz: Mit mehr Computern allein ist es längst nicht getan.

Große Herausforderung

Um was für eine Mammutaufgabe es sich handelt, machte Landesschulsprecher Johannes Strehler klar: Die Ausstattung der meisten hessischen Schulen sei älter als er selbst mit seinen 17 Jahren. Nicht einmal einen Overhead-Projektor gebe es überall geschweige denn Computer, iPhones, Tablets, Breitbandkabel oder WLAN. Ob da die umgerechnet 92 Euro pro Jahr und Schüler für Digitalisierung ausreichen, sei zu bezweifeln. Und in den wenigen PC-Räumen seien Hard-und Software arg veraltet. Das Land werde wohl mehr investieren müssen, wenn das Vorhaben von Erfolg gekrönt sein soll.

Aber es geht dem Bündnis aus Lehrern, Eltern und Schülern nicht nur um die Technik. Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Birgit Koch, mahnte vor allem eine umfassende Fortbildung der Lehrkräfte an, mit der ein Sinn des Digitalpakts stehe und falle.

Denn nur, wenn die Pädagogen auch sinnvoll mit ihnen umgehen könnten, sei ein auch den Schülern Gewinn bringender Einsatz der digitalen Medien möglich.

Derzeit gebe es aber kein Fortbildungsangebot, das diesen Namen verdiene. Mit 40 Euro pro Jahr und Lehrerstelle sei kein Staat zu machen, und es genüge nicht, wenn eine Lehrkraft mal am Nachmittag einen Kurs besuche und dann ihre Erkenntnisse dem Kollegium weitergeben solle.

Zudem könnten die Lehrer jetzt nicht noch alle möglichen Zusatzaufgaben nebenbei übernehmen, meint auch der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Korhan Ekinci. Die IT-Betreuung von Hard- und Software gehöre in die Hand technisch versierter Fachleute.

Datenschutz im Fokus

Auch der Datenschutz ist aus Sicht der Eltern ein zentraler Punkt der Digitalisierung im Klassenzimmer. Unternehmen wollten die Gelegenheit nutzen, an die Daten der Schüler zu gelangen. Das aber sei auch nicht als Gegenleistung für ein Engagement als Sponsor hinzunehmen. Die Schule müsse ein geschützter Raum bleiben, auch gegen Werbung. Reiner Pilz vom Elternbund Hessen sorgt sich noch um ein anderes Phänomen, das leider immer mehr zunehme: das Cybermobbing gegen Schüler. Nach einer Studie waren davon im Jahr 2013 noch sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen in den Schulen betroffen, 2017 dagegen schon elf Prozent.

Mit verheerenden Folgen: Die Opfer litten noch weit über die Schulzeit daran, viele trügen sich gar mit Selbstmordgedanken oder flüchteten sich in Alkohol, und Tabletten. Mit Handreichungen an die Lehrer sei es nicht getan, nötig sei professionelle Schulung der Pädagogen im Umgang mit dem Mobbing.

Alle miteinbeziehen

Schulleiter Mario Michel vom Grundschulverband wies darauf hin, dass selbst viele Erstklässler heute schon über iPhone und Tablet verfügten. Um so wichtiger sei es, auch denjenigen den Umgang damit beizubringen, deren Eltern sich keinen für ihre Kinder leisten könnten.

Im Übrigen will das Bündnis seine kritischen Anmerkungen nicht missverstanden wissen: „Wir freuen uns auf die Umsetzung des Digitalpakts“, betonten Lehrer, Schüler und Eltern. Herkömmliche Lernerfahrungen seien aber damit nicht obsolet, schränkte Grundschulleiter Michel ein. „Wie man auf Bäume klettert, sollen die Kinder draußen lernen, nicht am PC.“