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Prävention Ministerpräsident stellt neuen Beauftragten vor / Akteure sehen zunehmende „Enthemmung“ der Gesellschaft

Mit Elan gegen Antisemitismus

Archivartikel

Wiesbaden.Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Salomon Korn, bietet dem neuen hessischen Antisemitismusbeauftragten Uwe Becker Unterstützung an. Doch er will dem Frankfurter Bürgermeister, Kämmerer und CDU-Politiker auch nichts vormachen: „Es wird kein leichtes Amt sein“, gibt er Becker mit auf den Weg. Der 49-Jährige erhielt gestern aus der Hand von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) die offizielle Ernennungsurkunde und kann damit seine Tätigkeit aufnehmen. Allen Beteiligten der kurzen Zeremonie in der Wiesbadener Staatskanzlei wäre es am liebsten, das Amt wäre gar nicht notwendig. Doch davon kann keine Rede sein.

Vor allem in den sozialen Medien gebe es eine „Enthemmung“, was antisemitische Sprüche angeht, beklagt Bouffier. Noch habe es in Hessen keinen Fall wie den in Berlin gegeben, dass eine jüdische Familie ihre Kinder für die Schulzeit nach Israel schickte, weil sie in Deutschland Angst um sie hätte. Aber man wolle gar nicht erst warten, bis es so weit auch in Hessen kommt. „Du Jude“ als Schimpfwort auf Schulhöfen oder Gewalt gegen Kippa-Träger nennt der Regierungschef ernste Warnzeichen. Und Korn weist darauf hin, dass Antisemitismus heute von links und rechts sowie auch von muslimischen Zuwanderern komme. Doch er sei gar nicht mehr auf die Ränder der Gesellschaft beschränkt und werde auch in deren Mitte hoffähig gemacht.

Drei Mitarbeiter zur Verfügung

Also gibt es für Becker genug zu tun, der erst der zweite Antisemitismusbeauftragte der hessischen Landesregierung ist. Der erste war der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth, der das Amt wegen einer schweren Erkrankung aber im vergangenen Herbst schon nach kurzer Zeit aufgeben musste.

Und Becker verspricht, sich mit voller Kraft der neuen Aufgabe zu widmen. Mit gutem Zeitmanagement werde er das trotz seiner anderen Funktionen in Frankfurt hinbekommen, ist er überzeugt. Und sein Amt als hessischer Städtetagspräsident laufe ohnehin turnusgemäß im Sommer aus. In der Wiesbadener Staatskanzlei stehen dem neuen Antisemitismusbeauftragten Räumlichkeiten und drei Mitarbeiter zur Verfügung. Bouffier schließt nicht aus, dass es einmal mehr sein werden.

Als vordringlichste Aufgabe in seiner neuen Funktion sieht Becker die Prävention. Schülern und Jugendlichen müsse etwas vom Leben und Wirken der Juden in Deutschland vermittelt werden, damit sie gar nicht erst anfällig für Antisemitismus und dessen Parolen werden. Da treffe es sich doch wirklich gut, dass seine offizielle Amtsbezeichnung laute: Beauftragter „für jüdisches Leben und Kampf gegen Antisemitismus“.

Initiator spektakulärer Aktionen

Und dafür halten Bouffier, Korn und der Vorsitzende des jüdischen Landesverbands in Hessen, Jacob Gutmark, Uwe Becker für geeignet. Schließlich hatte dieser als Bürgermeister 2018 die vielbeachtete Aktion ins Leben gerufen, bei der Hunderte Frankfurter auf dem Römerberg demonstrativ eine Kippa trugen. Es war ein Zeichen der Solidarität, nachdem in Berlin ein Mann mit der jüdischen Kopfbedeckung verprügelt worden war.

Bouffier warnt vor Gleichgültigkeit. Nicht nur der Staat sei gefordert, fügt er mit Blick auf die deutsche Geschichte hinzu, sondern auch jeder Einzelne. Becker ruft aus, es sei an der Zeit, dem Antisemitismus entschiedener entgegenzutreten. „Wir brauchen keine Wende in der Erinnerungskultur, wie sie von rechten Demagogen gefordert wird, sondern eine Wende in unserer Handlungskultur“, fügt er hinzu.