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Bildung „Familienklassen“ sollen auffälligen Kindern helfen

Mit Mama und Papa auf die Schulbank

Archivartikel

Wiesbaden.Das Kind kommt mit Mama und/oder Papa zur Schule, und die nehmen gemeinsam mit dem Sohn oder der Tochter am Unterricht teil: In derzeit zehn sogenannten Familienklassen von Grundschulen in Hessen ist das einmal in der Woche für fünf Stunden schon Wirklichkeit. Das Angebot richtet sich an Kinder mit schwierigem Sozialverhalten, etwa mangelnder Aufmerksamkeit im Unterricht. Und die bisherigen Erfahrungen sind so gut, dass Kultusminister Alexander Lorz (CDU) das Modell ab nächstem Schuljahr allen Grundschulen in Hessen anbieten will.

Im Lahn-Dill-Kreis gibt es das Angebot bereits seit 2010, wie Schuldezernent Heinz Schreiber erläutert. Da das auffällige Verhalten der jeweiligen Schüler meist eng mit der Situation in der Familie zusammenhängt, wird gezielt auf den gemeinsamen Besuch des Unterrichts gesetzt. Die betroffenen Schüler gehen an vier Tagen in der Woche in den regulären Unterricht.

An dem anderen Tag kommen jeweils acht bis zehn Familien in den Spezialklassen mit einer Lehrkraft oder einem Sozialpädagogen sowie einem sogenannten Multifamilientrainer zusammen. Er kommt im Lahn-Dill-Kreis vom Albert-Schweitzer-Kinderdorf (ASK) Wetzlar und ist spezialisiert auf gemeinsame Lösungen von Problemen mehrerer Familien. Die sollen auch in den Spezialklassen von allen Teilnehmern zusammen gefunden und nicht etwa von einem Pädagogen verordnet werden, sagt ASK-Bereichsleiter Christian Scharfe. So hatte der Klassenlehrer einer Mutter immer wieder vergeblich nahegelegt, ihrem Kind ein Pausenbrot mitzugeben. Nachdem dieses in der Pause der Familienklasse als einziges nichts zu essen hatte, hätten die anderen Eltern erfolgreich auf sie eingeredet – jetzt kommt das Kind mit Pausenbrot und hat prompt auch mehr Geduld im Unterricht.

Auch zu Hause läuft es oft besser

Die Eltern werden vom jeweiligen Klassenlehrer auf das Projekt angesprochen und haben fast immer Erfolg. Gemeinsam definieren sie Ziele, die sie erreichen wollen. Und tatsächlich – so die Fachleute – werden die auch fast immer erreicht. Die Kinder lernen mit Unterstützung ihrer Eltern, wieder mehr am Unterricht teilzunehmen, auch zu Hause einmal zu üben und sich in die Abläufe einzufinden. Zuerst verbessern sich meist das Sozialverhalten und die mündlichen Leistungen der Schüler, später oft auch die schriftlichen. Erwünschter Nebeneffekt: Auch der Umgang in der Familie entwickelt sich positiv.

Im Lahn-Dill-Kreis wurden die Familienklassen bis vor einiger Zeit hauptsächlich von Sponsoren finanziert, erst seit Kurzem schießt der Kreis jeweils 8000 bis 10 000 Euro zu den Gesamtkosten von rund 16 500 Euro pro Klasse zu.