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Rassismus Schwarzer Kopf – Petition verlangt Änderung des Stadtwappens in einem Stuttgarter Stadtteil

Mohr oder Möhre für Möhringen

Archivartikel

Stuttgart.Im Zuge der weltweiten Proteste gegen Rassismus werden Denkmäler gestürzt. Es geraten aber auch überkommene Begriffe und Abbildungen ins Visier der Aktivisten. Eigentlich steht die Bezeichnung „Mohr“ länger auf dem Index und gilt als rassistisch. Großen Zuspruch erfährt gerade eine Online-Petition, die eine Änderung des Ortswappens für den Stuttgarter Stadtteil Möhringen fordert. Am Mittwoch zur Mittagszeit überwand die Initiative eine Woche nach dem Start die Marke von 7000 Unterzeichnern.

Die Möhringer pflegen ihre Tradition, obwohl das Wappen eigentlich 1942 mit der Eingemeindung nach Stuttgart untergegangen ist. Es zeigt in einem Viertel laut offizieller Beschreibung den „Kopf eines Mohren“ mit dicken roten Lippen und Kreolen-Ohrringen. Die drei anderen Felder belegt eine wilde Symbol-Mixtur: Neben einer dreilatzigen Fahne des Pfalzgrafen von Tübingen sind die fünf schwarzen Kreise des Katharinenhospitals sowie das zerbrochene Rad der heiligen Katharina abgebildet, die nach der Legende im 4. Jahrhundert auf einem Rad zu Tode kommen sollte.

Okan Alaca, ein gebürtiger Stuttgarter mit kurdischen Wurzeln, hat die Petition angestoßen und schnell viele Mitstreiter gefunden. Ihrer Ansicht nach stammt die Bezeichnung „Mohr“ samt der grotesken Skizzierung des Mohrenkopfs aus der deutschen Kolonialzeit und hat eine klare rassistische Bedeutung. „Wegen der menschenverachtenden Anmaßung, schwarze Menschen im historischen Kontext abwertend darzustellen, ist das Motiv nicht als Stadtteilwappen geeignet und gehört abgeschafft“, heißt es im Petitionstext.

Päpstliches Symbol

Historisch ist diese Einordnung allerdings kaum haltbar. Seit über 1000 Jahren sind Mohren Bestandteil der deutschen Überlieferung und nicht erst seit Beginn der deutschen Kolonialzeit Ende des 19. Jahrhunderts. Der „Freisinger Mohr“ zum Beispiel hat es sogar ins Wappen von Papst Benedikt XVI. geschafft. Das Symbol hat Joseph Ratzinger aus seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising mit nach Rom genommen. Ernsthaft wird dem Theologen wohl niemand Rassismus unterstellen.

Auch im Fall von Möhringen gibt es keine Hinweise auf rassistische Anwandlungen der Altvorderen. „Es handelt sich um ein sogenanntes sprechendes Wappenbild“, erklärt Bezirksvorsteherin Evelyn Weis. Das Bild des Mohren werde für Möhringen genutzt und mache damit den Ort auch Menschen zugänglich, die nicht lesen und schreiben können. Nach den bisherigen Recherchen geht das Bild laut Weis auf den alemannischen Sippennamen „Moro“ zurück.

Allerdings hatten die Möhringer schon eine Ahnung, dass ihr Wappen in der aktuellen Debatte um Rassismus wieder Gegenstand öffentlicher Kritik werden könnte. Der Bezirksbeirat hatte deshalb schon vor dem Start der Petition eine Arbeitsgruppe „Stadtwappen“ gegründet. Die Mitglieder sollen sich laut Weis „kritisch und ergebnisoffen“ mit dem Wappen auseinandersetzen. Zuerst werde der geschichtliche Hintergrund recherchiert. Und natürlich sollen die Einwohner des Stadtteils gehört werden. Die erste Sitzung ist nächste Woche.

Die Petenten liefern gleich einen Vorschlag mit, wie das Problem aus der Welt zu schaffen wäre. „Wir schlagen vor, den Wappenteil zum Beispiel mit einer Möhre zu ersetzen, da diese genauso wenig mit der Wortherkunft Möhringens zu tun hat wie schwarze Menschen“, heißt es im Abstimmungstext.

Alaca und seine Mitstreiter fordern die Stadt Stuttgart auf, „ein klares Zeichen für den Antirassismus zu setzen und solche Darstellungen im öffentlichen Raum zu verbieten“. Nebenbei verweisen sie auf das Gasthaus „Drei Mohren“ unweit des Stuttgarter Zentrums. An der Außenwand des urigen Lokals ist nach wie vor die Skulptur mit drei schwarzen Jungs in goldenen Lendenschürzen zu sehen. Die Fassade stammt aus dem frühen Barock und hat mit Kolonialismus nichts zu tun.

Das Büro für Antidiskriminierungsarbeit des Stadtjugendrings hat die Pächter trotzdem zur Änderung des Namens aufgefordert. Die beiden Brüder stammen aus einer deutsch-thailändischen Familie und bieten neben schwäbischen Gerichten auch thailändische Spezialitäten an. Spötter haben ihnen eine Umbenennung des Lokals in „Drei Ohren“ vorgeschlagen.

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