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Proteste 1983 gingen Bilder aus der schwäbischen Kleinstadt um die Welt – fast 40 Jahre später fordern Politiker wieder zur Abrüstung auf

Mutlangen und Ostalb senden wieder Signale des Friedens

Archivartikel

Mutlangen.Die Band heißt Geier Sturzflug. Ihr Song läuft im Radio rauf und runter: „Besuchen Sie Europa (solange es noch steht).“ Sponti-Sprüche machen die Runde: „Petting statt Pershing.“ Doch vielen ist angesichts der atomaren Aufrüstung in Ost und West 1983 nicht zum Lachen zumute. Die Gefahr eines nuklearen Infernos erscheint real wie nie zuvor. Hunderttausende gehen auf die Straße. Und eine baden-württembergische Kleinstadt wird weltbekannt: Mutlangen.

„Atomraketen gab es auch in Heilbronn und in Neu-Ulm, aber bei Mutlangen denken heute noch viele an die Friedensbewegung“, sagt Peter Seyfried. Der CDU-Mann war Mutlangens Bürgermeister, als junge Leute aus vielen Teilen Westdeutschlands in dem 6000-Seelen-Ort ein Friedenscamp aufmachten.

Damals holte er die Polizei, wenn „die Langhaarigen“ mal wieder die Straße zum US-Raketendepot auf der Mutlanger Heide blockierten. Doch schon lange engagiert sich Seyfried bei den Mayors for Peace (Bürgermeister für Frieden). Viele Stadtoberhäupter hat er für die Friedensbewegung gewonnen. „Uns vereint die Sorge, dass es nach der Kündigung des INF-Vertrages durch die USA und Russland ein neues nukleares Wettrüsten gibt“, sagt der 68-jährige Ex-Bürgermeister.

Nach der Unterzeichnung des INF-Vertrags 1987 durch US-Präsident Ronald Reagan und den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow wurden die Waffensysteme zurückgezogen – darunter ab 1990 auch die 36 Pershing II aus Mutlangen. Im Februar 2019 kündigte die USA den Vertrag.

Doch wie würden die Mutlanger heute reagieren, wenn dort Atomraketen stationiert werden sollen? „Damals sprang kein Funke über“, erinnert sich Seyfried. „Die auswärtigen Demonstranten sprühten schon mal Friedenstauben aufs Garagentor, aber das mochte der Schwabe gar nicht.“ Heute wäre alles anders, meint Seyfried. „Die Menschen würden keine Stationierung zulassen.“

Postkarten an Botschafter

Ziviler Ungehorsam, gewaltfreier Widerstand – Schlagworte, die in Mutlangen Realität wurden. „Das ist nicht vergessen“, sagt Sozialarbeiter Wolfgang Schlupp-Hauck. Als junger Mann gehörte der inzwischen 61-jährige Vorsitzende der Mutlanger Friedenswerkstatt zu den Organisatoren der Proteste. „Die Bewegung ist immer noch aktiv.“

Heute organisiert er mit Kommunalpolitikern wie dem Landrat des Ostalbkreises, Klaus Pavel (CDU), Friedensaktionen. Von der Ostalb müsse ein Signal in die Welt gehen, sagt Pavel: „Wir wollen keine neuen Atomwaffen in Europa.“ Mit Bürgermeistern der Region und Vertretern der Friedenswerkstatt ruft er auf, Postkarten an die Botschafter der USA und Russlands in Berlin zu schicken. Aufschrift: „No, Nein, Njet – Abrüstung schafft Sicherheit – INF-Vertrag erhalten!“

1983 hatte zu den Höhepunkten der Proteste die Teilnahme bekannter Künstler gehört – unter ihnen die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass oder Kabarettist Dieter Hildebrandt. Die Bilder aus Mutlangen gingen um die Welt.

Vorausgegangen war am 12. Dezember 1979 der Beschluss der Nato, in Europa nukleare Mittelstreckenraketen zu stationieren, falls die Sowjetunion ihr Arsenal an SS-20-Raketen nicht verringert. Der Kreml gab nicht nach. Die Stationierung von 108 Pershing-II-Rakten in Deutschland rückte immer näher.

Im Jahr der Unterzeichnung des Vertrags kam Stephanie Eßwein zur Welt. „Ich habe nur ein atomwaffenfreies Mutlangen erlebt“, sagt die Parteilose, die seit 2016 Bürgermeisterin der Albgemeinde ist. Eßwein will, dass Kinder eine atomare Gefahr nicht erleben. „Deshalb dürfen wir nie vergessen, was hier geschah.“