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Soziales Weißer Ring fordert schnellere Hilfe für Menschen, die körperliche oder seelische Gewalt erlebt haben / Landesvorsitzender kritisiert Versorgungsämter

„Opferentschädigung führt ein Schattendasein“

Archivartikel

Stuttgart.Opfer von Gewalttaten müssen in Deutschland nach Auffassung des Weißen Rings viel zu lange auf Entschädigung warten. „Oft dauert das bis zu einem Jahr. Es könnten und sollten nicht länger als drei, vier Monate sein“, sagte Erwin Hetger, Mitglied im Bundesvorstand der Opferschutzorganisation, der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Es bestehe sonst die Gefahr einer neuerlichen Traumatisierung.

Wenn komplexe Baugenehmigungen neun Monate dauerten, sei das nachvollziehbar. „Dass aber Opfer von akuter Gewalt wie vergewaltigte Frauen und missbrauchte Kinder hängen gelassen werden, deren Fall von der Polizei bereits ausermittelt ist, finde ich einen Skandal.“

Die Kritik wendet sich gegen die zuständigen Behörden, das sind im Südwesten die Versorgungsämter in den Landkreisen und die Stadtkreise. Dringend gebraucht würden Mittel etwa für den Ersatz einer beschädigten Brille, eine Prothese, neue Möbel beim erzwungenen Wohnungswechsel oder eine Psychotherapie. Grund für unnötige Verzögerungen seien nicht die Finanzen, sondern die fehlende Wahrnehmung des Leids der Betroffenen. „Die Opferentschädigung führt ein Schattendasein in den Amtsstuben.“

Suche nach passender Therapie

Der Landkreistag Baden-Württemberg reagierte verständnislos: „Der pauschale Vorwurf des Weißen Rings ist aus unserer Sicht nicht haltbar.“ Grundsätzlich hänge die Bearbeitungsdauer von Art und Umfang der Unterlagen ab und könne im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Ab 2024 werde aber im „erleichterten Verfahren“ eine Prüfung der Lage schnellere Hilfe ermöglichen.

In Baden-Württemberg haben sich 2019 bis zu 150 Opfer mehr als 2018 an den Weißen Ring gewandt. Die Gewaltverbrechen seien zum Teil gravierender als noch vor einigen Jahren. „Heute wird auf am Boden liegende Opfer noch mal drauf getreten“, sagte Hetger. Für solche Fälle müsse es mehr Trauma-Ambulanzen geben. So könne Soforthilfe langfristige Folgen vorbeugen, sagte der ehemalige Landespolizeipräsident. Skeptisch sieht der Weiße Ring die neue Funktion eines Landesopferbeauftragten. „Er darf kein Feigenblatt für fehlende Unterstützung von Opfern sein und nur einmal im Jahr einen Bericht vorlegen“, sagte Hetger. Justizminister Guido Wolf (CDU) hatte vor kurzem angekündigt, eine zentrale Anlaufstelle für Opfer von Terroranschlägen und anderen Verbrechen zu schaffen.

Der Weiße Ring betreute im Südwesten 2019 bis zu 1700 Opfer. Die Hilfe reicht von einem einzigen Beratungstelefonat über mehrfache Begleitung bei Behördengängen bis zur monatelangen Suche nach einer passenden Therapie. Jedes zweite Opfer erhielt materielle Hilfe, der Gesamtbetrag lag bei 500 000 Euro.

Opfer können in Baden-Württemberg neben der Hilfe des Weißen Rings auch die der Opferschutzstiftung des Landes in Anspruch nehmen. Höchstfördersumme sind 10 000 Euro Schmerzensgeld, etwa wenn ein Partner getötet wurde. lsw

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