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Porträt CDU-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Reinhart kennt die Partei wie seine Westentasche / Was treibt ihn an? Wo will er hin?

Politischer Hindernisläufer

Archivartikel

Stuttgart.Er ist wohl der Politiker, der zuletzt in der Landespolitik für die meisten Schlagzeilen sorgte. Beim Streit über die Einführung eines Listenwahlrechts gerieten die grün-schwarzen Koalitionspartner heftig wie nie zuvor aneinander –und CDU-Landtagsfraktionschef Wolfgang Reinhart wurde die Rolle desjenigen zugeschrieben, der die Regierungsstabilität gefährde und seinen innerparteilichen Dauerrivalen Thomas Strobl bloßstellen wolle. Reinhart selbst bestreitet dies und spricht von einer reinen Sachentscheidung. Politisch ist Reinhart seit 40 Jahren aktiv. Im Main-Tauber-Kreis wurde er bereits 1979 zum damals jüngsten Kreisrat im Südwesten gewählt.

Seit April 1992 vertritt er den Kreis als Landtagsabgeordneter. Er nimmt an vielen CDU-Veranstaltungen teil, ist auf sämtlichen Parteitagen, egal ob kommunal, ob landes-, bundes- oder europaweit. Er kennt die Partei wie seine Westentasche. Einer begegnete Reinhart in seiner politischen Laufbahn immer wieder – und wurde zu einem seiner größten parteiinternen Kontrahenten: Thomas Strobl. „Ich habe Thomas Strobl kennengelernt, nachdem ich 1992 als Abgeordneter in den Landtag eingezogen bin. Er wurde kurz danach parlamentarischer Berater bei der CDU-Landtagsfraktion“, erinnert sich Reinhart. Doch die Wege der beiden kreuzten sich noch häufiger. So war Reinhart von 2005 bis 2011 Vorsitzender des CDU-Bezirksverbands Nordwürttemberg, Strobl war sein Stellvertreter. Allerdings wurde Strobl 2005 zum Generalsekretär gewählt, eine mächtigere Position mit größerer Außenwirkung als die des Bezirksvorsitzenden. Strobl und Reinhart – zwei Alphatiere, die um ihr Revier kämpfen.

Eine der am häufigsten erzählten Geschichte in Stuttgart ist die, als Strobl im Mai 2016 im Vorfeld der Abstimmung zur Wahl Winfried Kretschmanns zum Ministerpräsidenten wutentbrannt den CDU-Fraktionssaal verließ, weil einige Stimmen fehlten. Reinhart folgte ihm nach Heilbronn. „Dort haben wir uns in irgendeiner Eckkneipe getroffen, was getrunken und die Probleme besprochen“, so Reinhart. Zuletzt gab es Zoff zwischen den beiden wegen der Einführung einer Liste im Wahlrecht, die im grün-schwarzen Koalitionsvertrag festgeschrieben ist, um mehr Frauen ins Parlament zu bringen.

„Fühle mich unfair behandelt“

Reinhart ließ die Fraktion bewusst darüber abstimmen – nach dem negativen Votum blockierte er die Reform, was den vertragstreuen Strobl stark verärgerte. Heute sagt Reinhart, der Streit sei medial hochgezogen gewesen. „Ich fühle mich hier unfair behandelt, weil so getan wurde, also würde ich etwas gegen die Förderung von Frauen haben. Das stimmt nicht. Ich finde einfach nur, eine Liste ist das falsche Instrument.“ Zudem habe er in seinem Kreisvorstand immer auf einen entsprechenden Frauenanteil geachtet. Den CDU-internen Wettbewerb „Frauen im Fokus“ habe sein Kreisverband ebenfalls gewonnen. Im Gegensatz zum Landesvorstand wird es ihm in der Fraktion überwiegend als Stärke ausgelegt, dass er bei dem Thema Kurs gehalten hatte. Und wie ist sein Ansehen in der CDU-Fraktion? „Er vertritt unsere Interessen exzellent“, sagt ein Mitglied. Ein anderes erklärt, es stoße negativ auf, dass Reinhart sich stark in den Vordergrund dränge. „In Pressemitteilungen kommt fast immer nur er vor. Das stößt manchem Fachpolitiker sauer auf.“

„Deutschland beweg dich“ heißt das einzige Buch, das Reinhart in seiner langen politischen Laufbahn veröffentlicht hat. Das war 2005, also in der Phase, als er zunächst Finanzstaatssekretär war und danach als Europaminister die Interessen des Landes auf der Bühne in Brüssel vertrat. In dem Buch warnt Reinhart davor, dass Deutschland in einer globalisierten Welt den Anschluss verlieren könnte – und vor Verkrustungen in der Gesellschaft.

Mit Verkrustungen bekam Reinhart es auch zu tun, als er seine aktuelle politische Position übernahm: Als Fraktionschef der CDU-Parlamentarier, die nach ihrem Selbstverständnis eigentlich die stärkste Fraktion im Landtag sein müssten, dies aber seit 2016 nicht mehr sind. Reinhart nutzte das Vakuum beim Posten des Fraktionschefs nach der Niederlage bei der Landtagswahl 2016 geschickt – und setzte sich in einer Kampfabstimmung gegen Willi Stächele durch. Durchhaltevermögen hatte Reinhart schon in jungem Alter – er war unter anderem Südwest-Meister im 3000-Meter-Hindernislauf. Heute ist er 62 Jahre alt und noch immer fit, geht Skifahren, wandert und besteigt Berge. „Ich kann seit 20 Jahren Größe 50 tragen.“

Wegen seiner farbigen Sakkos galt er früher zumindest optisch als Paradiesvogel, in fortgeschrittenem Alter hält er sich aber zunehmend an die Farbe Schwarz. Bei allem Polit-Stress scheint er mit zunehmendem Alter mehr auf seine Work-Life-Balance zu achten. „Man braucht eigene Freiräume.“ Und Zeit für die Familie, also für Frau Gabriele sowie Sohn und Tochter, die beide im Teenager-Alter sind. Was bringt die Zukunft? „Die CDU muss in Baden-Württemberg wieder die stärkste Partei werden“, sagt er.