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Ordnungswidrigkeiten Beamte kämpfen gegen das tägliche Chaos auf Frankfurts beliebtester Einkaufsstraße

Polizeistreife in der Zeil

Archivartikel

Frankfurt.Zu dritt läuft die Streife der Stadtpolizei über die Frankfurter Zeil. Die „frequenzstärkste Einkaufsstraße Deutschlands“ zählt laut Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle 14 390 Besucher pro Stunde. Zwischen Haupt- und Konstablerwache gibt es nicht nur schicke Einkaufszentren und große Kaufhäuser, sondern auch ziemlich viel Elend.

Ein Bettler ohne Beine sitzt auf einem Stück Pappe neben seinem Rollstuhl, eine uralte Frau mit Kopftuch stützt sich neben einem Pappbecher auf ihren Gehstock. Die Stadtpolizei soll im Auftrag der Kommune für „Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung“ sorgen, wie Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU) erklärt. Vor zwei Jahren habe man „eine gigantische Beschwerdelage“ auf der Zeil gehabt, sagt Frank. Auch heute gebe es noch Klagen, aber die Situation habe sich immerhin verbessert – dank der täglichen „Sisyphusarbeit“ der Stadtpolizei.

Eine Sisyphusaufgabe

Wie die antike Sagengestalt beständig einen Felsbrocken den Berg hinaufstemmt, der vom Gipfel wieder hinabrollt, versuchen die Mitarbeiter zum Beispiel, die Zahl der Bettler einzudämmen. Sie werden laut Ordnungsamt und -dezernat von organisierten Banden gesteuert. Durch „ständigen Kontrolldruck“ versuche man, sie zu vertreiben. Aber weil immer neue Menschen kämen, „setzt der Lerneffekt nicht ein“, wie der Chef des Ordnungsamts, Jörg Bannach, sagt. In der Vorweihnachtszeit werde ihre Zahl vermutlich wie jedes Jahr zunehmen.

Bei der Streife am Freitag gehen die Mitarbeiter an den meisten Bettlern, ob organisiert oder nicht, vorbei. Denn Betteln ist in Frankfurt nicht verboten. Der Hebel der Stadtpolizei heißt „Gefahrenabwehrverordnung“: Nur wenn Bettler Passanten belästigen oder Obdachlose die Türe eines Geschäfts blockieren, hat das Ordnungsamt eine Handhabe. Der Mann ohne Beine muss ein Stück zurückrücken, die alte Frau darf bleiben. Dafür werden zwei Jungs mit E-Scootern belehrt, dass man in der Fußgängerzone nicht fahren darf.

„Es geht uns nicht darum, dass wir alles wegräumen, was die Optik stört“, sagt Bannach. Es geht darum, „eine Balance zu finden zwischen den Anliegen der Bevölkerung und der Geschäftsleute und der Situation in einer Großstadt“. Obdachlose würden keineswegs an den Stadtrand gekarrt, sondern in eine Unterkunft im Ostpark gefahren – dafür habe man sogar ein Auto angeschafft. Kürzlich hätten Kollegen bei einem herzkranken Obdachlosen Erste Hilfe geleistet. „Verbringung“ sei ohnehin die letzte Maßnahme. Erst versuche man zu überzeugen.

„Stadt tut nicht genug“

Der Leiter der Stadtpolizei, Matthias Heinrich, verweist auf 23 500 „Maßnahmen“ und knapp 17 500 „Streifenstunden“ auf der Zeil in den vergangenen zwei Jahren. Dazu zählen Kontrollen, Anzeigen, Sicherstellungen oder Platzverweise. Themen neben Betteln sind Alkoholgelage, Rauchen in der B-Ebene, Drogenkonsum, Wildpinkeln, Müll oder Lärm. Für Hinweise sei man dankbar, sagt Heinrich.

Frank Diergardt vertritt als Sprecher des Vereins „Neue Zeil“ 20 Anlieger der Einkaufsstraße. Er findet, die Stadt tut nicht genug: „Wir würden uns wünschen, dass da ein bisschen massiver durchgegriffen wird.“ Organisierte Bettler und Obdachlose, die neben den Geschäften ihre Notdurft verrichten, „das gehört – leider – in einer Großstadt ein Stück weit dazu, aber nicht in dem Maße“.

In anderen Städten Hessens gibt es ähnliche Probleme. „Im Rahmen des Sternschnuppenmarktes kam es auch in Wiesbaden in den vergangenen Jahren zu einer leichten Steigerung von Fällen von aggressivem Betteln“, heißt es im Ordnungsamt der Landeshauptstadt.