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Unglücke Vor vier Jahren sterben zwei Jungen und ein Mädchen in einem Teich in Nordhessen / Bürgermeister bedauert das Geschehen, weist Verantwortung aber von sich

Prozess um ertrunkene Kinder: Trägt Stadt Schuld?

Schwalmstadt/Neukirchen.Ein Teich, kein Zaun, drei tote Geschwister – der Fall, mit dem sich das Amtsgericht Schwalmstadt seit Donnerstag befasst, scheint übersichtlich. Doch die Rechtslage hinter der Tragödie, bei der vor knapp vier Jahren zwei Jungen (5 und 9) und ein Mädchen (8) ertranken, ist komplizierter. Im Mittelpunkt steht die Frage: Hätte die nordhessische Klein-stadt Neukirchen den Teich einzäunen müssen?

Angeklagt ist Bürgermeister Klemens Olbrich (CDU). Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung vor. Zum Prozessauftakt bekundet der Rathauschef immer wieder sein Mitgefühl mit der Familie, die damals bei dem Unglück im Stadtteil Seigertshausen drei ihrer seinerzeit sechs Kinder verlor: „Das tut mir wahnsinnig leid.“ Doch in der Sache ist der Rathauschef hart: „Die Nutzung dieses Teiches obliegt dem allgemeinen Lebensrisiko.“ Laut Olbrich gibt es den Teich schon über 200 Jahre. Dort sei in der Vergangenheit gefeiert und gebadet worden. „Niemand kam jemals auf den Gedanken, den Teich einzuzäunen.“ Auch nach dem Unglück habe man sich entschieden, dort vorerst baulich nichts zu verändern. Was am 18. Juni 2016 geschah, schilderte ein Ersthelfer vor Gericht: Demnach hatte ein älterer Bruder der Opfer auf der Suche nach seinen Geschwistern einen leblosen Körper auf dem Teich gesehen und im Ort um Hilfe gerufen. „Da hat wirklich ein Junge auf dem Wasser getrieben, Kopf nach unten“, berichtete der Zeuge.

DLRG kann nicht mehr helfen

Die Männer zogen den Jungen an Land und versuchten vergeblich, ihn zu wiederzubeleben. Ob und wie viele weitere Kinder im See waren, sei zunächst ungewiss gewesen. Einsatzkräfte der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) fanden schließlich weitere Geschwister im trüben Wasser des Sees. „Das war der schwerste Einsatz, den wir je hatten“, erklärte der DRLG-Einsatzleiter. Dabei berichteten sowohl die DLRG-Retter als auch die Ersthelfer von Problemen, selbst aus dem Teich herauszukommen. An der Stelle, wo der erste Junge gefunden wurde, ist das Ufer abschüssig und gepflastert. Es sei rutschig, und das Wasser werde schnell zwei Meter tief.

Dass die Stadt diese Konstellation nicht als Risiko sah, kritisierten Staatsanwaltschaft und Nebenkläger, das sind die Mutter der Kinder und der Vater zweier ertrunkener Geschwister. Spätestens als die Kinder dort ertrunken seien, hätte die Gemeinde handeln und etwas verändern müssen, sagte die Staatsanwältin. Entscheidend könnte im Prozess die Frage werden, um welche Art von Teich es sich handelt. Denn Löschwasserteiche müssen umzäunt werden.

Nach Ansicht von Olbrichs Verteidiger, dem Direktor des hessischen Städte- und Gemeindebundes Karl-Christian Schelzke, handelt es sich aber um ein Löschwasserreservoir. Das bedeutet: Aus dem Teich könne zwar Wasser im Brandfall entnommen werden, er sei aber nicht extra dafür angelegt worden. Er verglich das mit einem Pool. lhe