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Umwelt In hessischen Tonnen landet zu viel Plastik und anderer Abfall / Kommunen drohen mit Entzug der Behälter

Rote Karte für Biomüll-Sünder

Archivartikel

Kassel/Frankfurt.Der Abfall aus dem Müllfahrzeug der Stadtreiniger Kassel stinkt wie Biomüll, er sieht aber nicht so aus. Statt grün-braun ist er bunt. Kein Wunder: Zwischen Küchen- und Gartenabfällen liegen Plastiksäcke. Auch Windeln, Bierflaschen und Bettwäsche fischt Betriebsleiter Dirk Lange heraus. „Wir können die Fuhre gleich nehmen und wie sie ist, da hinten hinbringen“, sagt er und deutet in Richtung des Müllheizkraftwerks.

Bio ist das nicht, was da auf dem Müllberg liegt. Es ist Restmüll – stammt aber aus Biomülltonnen. Das Problem existiert hessenweit: Seit Jahren versuchen Entsorgungsunternehmen Kunden aufzuklären. Doch einige sind offenbar beratungsresistent. Ursache sei vor allem Bequemlichkeit, sagt Lange.

Müllsündern in Kassel droht jetzt die Rote Karte: Seit Sommer kontrollieren die Stadtreiniger Biotonnen. Bei Verstößen gab es bisher gelbe Aufkleber. Jetzt werden sie rot – und die Tonne bleibt ungeleert. Bei drei Verstößen ist sie weg, Kunden bekommen eine kostenpflichtige zusätzliche Restmülltonne. Man wolle niemanden bestrafen, sondern überzeugen, betont eine Sprecherin. Doch wenn Kunden mit ihrem Verhalten den Biomüll verunreinigten, gehe es nicht anders. Seit Juni 2018 seien die Grenzwerte für Störstoffe im Biomüll verschärft.

Rund 570 000 Tonnen Abfälle landen pro Jahr in hessischen Biotonnen. Wie viel des Mülls dort nicht hineingehört, bleibt unklar. Entsorger beziffern den Anteil unterschiedlich – einige auf zwei bis fünf Prozent, einige deutlich höher.

Aussieben fremder Stoffe

Umweltschützer sehen das mit Sorge: „Ein möglichst geringer Anteil an Fremdstoffen im Bioabfall ist Voraussetzung für die Herstellung hochwertiger Komposte und Gärprodukte, die Ressourcen und Klima schützen“, sagt Michael Jedelhauser vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). In vielen Kommunen landeten jedoch zu viele falsche Stoffe in den Tonnen. Diese gelangten in den Kompost und auf landwirtschaftliche Böden oder in Gärten.

Welche Auswirkungen die Partikel haben und inwieweit sie in die Nahrungskette gelangen, wird laut Nabu erforscht. Wie viele es sind, ist strittig. „Während das Fraunhofer-Institut bundesweite Kunststoffeinträge in Kompost in Höhe von jährlich circa 12 000 Tonnen berechnet, geht die Bundesgütegemeinschaft Kompost von 800 Tonnen aus“, sagt Jedelhauser.

„Das Problem ist durchaus groß“, sagt ein Sprecher der FES Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH. Zwar halte man Grenzwerte ein. „Schnipsel von Kunststoff aber möchte niemand im Kompost haben.“ Deshalb würden mit technischem Aufwand fremde Stoffe entfernt. Das kostet jährlich mehr als 200 000 Euro. Sanktionen gibt es nicht: Die Biotonne sei eine Pflichttonne – wer keinen eigenen Kompost hat, muss sie haben. „Wir registrieren aber Gefäße, die regelmäßig verunreinigt sind“, so der Sprecher.

Zahlen des Entsorgungsunternehmens Veolia zeigen einen Trend: Die Siebrestquote – aussortierte Fremdstoffe – stieg von elf Prozent in 2013 auf 19 Prozent im aktuellen Jahr. „Wir verzeichnen deutlich mehr Störstoffe im Bioabfall, und die Qualitätsanforderungen haben sich aufgrund der Düngegesetzgebung und Güteüberwachung erhöht“, sagt ein Sprecher.

Auch in Darmstadt kostet das Sieben viel Geld: „Durch die erforderliche Behandlung der organischen Abfälle entstehen Mehrkosten in Höhe von etwa 150 000 Euro pro Jahr“, sagt Stadtsprecher Daniel Klose. Der Großteil der Störstoffe sei Plastik, 150 Tonnen sind es im Jahr. Auch Darmstadt bestraft Sünder: Biotonnen würden in der Sammeltour nicht entleert. Eine Leerung erfolge erst, wenn die Abfälle nachsortiert wurden. Auch eine Einziehung der Tonne ist möglich – allerdings gibt es im Gegenzug mehr Volumen für Restabfälle. Die Anzahl der eingezogenen Biotonnen liege jährlich im einstelligen Bereich.