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Atomausstieg Kühltürme im Kernkraftwerk Philippsburg werden gesprengt und machen einem Umspannwerk für Windstrom Platz

Schaufenster der Energiewende

Archivartikel

Stuttgart/Philippsburg.„Wahnsinnig gerne“ wäre Franz Untersteller (Grüne) bei der Sprengung der Kühltürme im Kernkraftwerk Philippsburg Zaungast vor Ort gewesen. Aber nicht einmal für den zuständigen Umweltminister machen die Verantwortlichen der Energie Baden-Württemberg eine Ausnahme. Wegen der Corona-Kontaktverbote ist die spektakuläre Aktion für Zuschauer tabu. Selbst der Zeitpunkt der Sprengung bleibt geheim. Irgendwann am Donnerstag oder Freitag wird es so weit sein.

„Das ist ein bildgewaltiges Symbol für das Ende des Atomzeitalters“, sagt Untersteller. Das Gelände des Kernkraftwerks werde zu „einem einzigartigen Schaufenster für die Energiewende“. An der Stelle, wo noch die Kühltürme stehen, wird das Umspannwerk gebaut, das den Windstrom aus dem Norden in Drehstrom umwandelt. Der 63-jährige Minister, der sich schon als Student gegen Atomkraft engagiert hat, sieht sich dem Ziel ein weiteres Stück näher: „Da wird Abschied genommen und ein Stück Zukunft gebaut.“

Im Philippsburger Kraftwerksgelände soll in etwa drei Jahren mit Ultranet eine der drei großen Stromautobahnen enden, die den auf der Nordsee und in den norddeutschen Ländern erzeugten Ökostrom von Nordrhein-Westfalen in die süddeutschen Verbrauchszentren transportieren wird. Der Plan sah vor, dass die Leitung mit zwei Gigawatt Leistung zeitnah die beiden Kernkraftblöcke ersetzt, die 2,5 Gigawatt Strom lieferten. Zum Jahreswechsel ist zwar Philippsburg II vom Netz gegangen. Aber mit der Inbetriebnahme von Ultranet rechnet Untersteller nach zahlreichen Verzögerungen jetzt erst im Jahr 2024.

Teuere Versorgungssicherheit

Trotz der mehrjährigen Übergangszeit ist es Untersteller um die Versorgungssicherheit nicht bange. „Da gibt es mehr als Gürtel und Hose zusammen“, betont er. Die Bundesnetzagentur hält für energieintensive Winter, wenn weder Sonne noch Wind Strom liefern, viele Kohlekraftwerke in Reserve. Dafür erhalten die Eigentümer eine Entschädigung. Auf jeweils 1,7 Milliarden Euro schätzt die Bundesnetzagentur die Kosten der Netzreserve in diesem und im nächsten Jahr. „Das ist eine relevante Summe“, gibt Untersteller zu. Dennoch habe das keinen gravierenden Einfluss auf den Strompreis.

Untersteller tut alles dafür, die Energiewende zu beschleunigen. Als der für die Atomaufsicht zuständige Minister hat er die Sprengung der Kühltürme von Anfang an unterstützt. Technisch sei das Verfahren bewährt, allein in Deutschland seien schon 50 Türme durch gezielte Sprengung abgerissen worden. Erstmals allerdings finde das jetzt in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Lagerbecken mit abklingenden Brennstäben und zu weiteren radioaktiven Anlagen statt. „Das ist eine hoch komplexe Geschichte“, blickt er auf die Planung und Genehmigung zurück. Drei Jahre habe das insgesamt gedauert, die letzte Unterschrift hat er erst vor vier Wochen geleistet. Seither läuft die Uhr. „Ich habe keine Zweifel, dass es gut geht“, sagt er.

Etwa 32 500 Tonnen Beton bleiben von jedem Turm übrig. Wenn der Schutt weggeräumt ist, soll baldmöglichst mit dem Bau des riesigen Konverters begonnen werden, der den Gleichstrom von Ultranet in Drehstrom umwandelt. Auch dafür hat das Regierungspräsidium die Genehmigung bereits erteilt. Untersteller verweist süffisant auf seinen nordrhein-westfälischen Kollegen Andreas Pinkwart (FDP), der für das am anderen Ende der 340 Kilometer langen Leitung notwendige Umspannwerk noch kein grünes Licht gegeben hat.

Auch bei der Planung von Ultranet sieht der Grünen-Politiker Baden-Württemberg weiter als Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen. „Bei uns steht die Trasse“, betont der Energieminister. Der Verlauf sei vorgegeben, da die Kabel auf einer bestehenden Leitung oberirdisch verlegt werden.

Neben Philippsburg wird mit Suedlink auch die zweite Stromautobahn in Baden-Württemberg enden. Der Übergabepunkt der 700 Kilometer langen Leitung ist in Leingarten bei Heilbronn geplant. 2022 soll hier Baustart sein. Zunächst freut sich Untersteller aber über die Sprengung in Philippsburg: „Damit kommen wir der Energiewende ein ganz entscheidendes Stück näher.“

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