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Geschichte Akten und Tonbandaufnahmen aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess in „World Memory“ aufgenommen

Schrecken der NS-Zeit gehören jetzt zum Welterbe

Frankfurt.Der Arzt war eigens aus Israel nach Frankfurt angereist, um 1964 im Auschwitz-Prozess gegen seine Peiniger aus dem KZ auszusagen. Als Zeuge schildert er, wie er unmittelbar nach Verlassen des Zuges an der Rampe des Konzentrationslagers von seiner Frau und den drei Töchtern im Alter von neun bis zwölf Jahren getrennt wurde. Es blieb noch nicht einmal Zeit für eine letzte Umarmung. Seine Familie hat er nie wiedergesehen, sie wurde in Auschwitz vergast. Der Vater überlebte als einziger aus der Familie. Im Frankfurter Auschwitz-Prozess war der Mann nur einer von 319 Zeugen, die mit den 22 Angeklagten nach rund 20 Jahren erstmals wieder auf ihre Peiniger trafen.

Mehr als bloßes Kulturgut

Der Tonbandausschnitt mit seiner Aussage wurde gestern im Frankfurter Haus Gallus abgespielt, dem Originalschauplatz des Gerichtsverfahrens, das von 1963 bis 1965 dauerte und der bis dahin größte Strafprozess in der Bundesrepublik Deutschland war. Dort fand gestern ein Festakt statt, mit dem die 456 Aktenbände und die 103 Tonbänder mit Aufnahmen aus der Verhandlung über die Verbrechen von Auschwitz offiziell ins Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen wurden. In diesem „Memory of the World“ genannten Register sind die Auschwitz-Akten jetzt ebenso vertreten wie etwa die erhaltenen Handbände der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen oder der Stummfilm Metropolis von Fritz Lang aus dem Jahr 1927.

Doch die Akten und Mittschnitte aus dem Prozess, deren Originale im Hessischen Landesarchiv in Wiesbaden lagern und digitalisiert wurden, sind mehr als bloßes Kulturgut. Der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU), der bei dem Festakt die Urkunde mit der Bestätigung des schon im letzten Herbst gefällten Unesco-Beschlusses zum Welterbe im Empfang nahm, brachte es ebenso wie die meisten anderen Redner auf den Punkt: Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die über die Schrecken der NS-Zeit berichten können. Doch auch dann können die Akten und Tonbandaufnahmen den Opfern weiter eine Stimme geben. Rhein wandte sich entschieden gegen immer wieder aufkommende Forderungen, einen „Schlussstrich“ unter die deutsche NS-Vergangenheit zu ziehen.„Wir dürfen nicht zulassen, dass jemals wieder geschwiegen wird über das Leiden, das die Nationalsozialisten dem jüdischen Volk angetan haben“, sagte er und fügte hinzu: „Die Eintragung in das Weltdokumentenerbe-Register gibt uns den Auftrag, jetzt und in Zukunft Hass und Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten.“ Im KZ Auschwitz, dem wohl schlimmsten Massenvernichtungslager der Nazis, waren über eine Million Menschen umgebracht worden.